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Auf gute fünfzig Kilometer summieren sich die Strecken auf, die Mountainbiker im Nationalpark Berchtesgaden fahren dürfen. Ein paar sind noch ganz jung und in der „Probezeit“. Schön sind sie alle. Auf zwei Rädern unter Watzmann & Co.
Text: Andrea Strauß, Fotos: Andreas Strauß
→Großes Kino für Mountainbiker gibt es bei der Abfahrt vom Stahlhaus: Der Watzmann steht gegenüber.
Es geht bergauf. Und das auch noch rasend schnell. Viel schneller als bei den Wanderungen die Jahre zuvor. Hatten wir da rund vier Stunden gebraucht für den Weg von Hinterbrand zur Gotzenalm, so sind wir diesmal in gut einer Stunde am Ziel. Die letzte steile Rampe der Almstraße noch, dann sind wir oben im flachen Wiesengelände der größten und ältesten Berchtesgadener Alm. Die Gipfel des fernen Hochkönig, des Funtenseetauern und des Großen Hundstod nehmen in meinem Kopf schon Gestalt an, die Almwiesen stehen bestimmt in voller Blüte und den frischen Kaffee an der Gotzenalm kann man fast riechen. Wir sind wirklich gleich da.
Die phänomenale Geschwindigkeitssteigerung liegt nicht etwa am neuen Superfood oder an der teuren Spezial-Gummimischung der Bergschuhsohle. Erst recht nicht an der besseren Kondition. Sondern daran, dass im Nationalpark Berchtesgaden seit 2024 eine Reihe von Almstraßen probehalber für Radfahrer freigegeben wurden und darüber hinaus durch eine klare Beschilderung vor Ort und einen Flyer mit einer Karte deutlicher als zuvor erkennbar ist, wo man darf und wo nicht. Das Streckennetz im Nationalpark hat somit jetzt gute fünfzig Kilometer, ein kleiner, aber feiner Teil der 700 Radkilometer im Berchtesgadener Land.
Hatte es in den Anfangsjahren nach der Gründung des Nationalparks noch keine ausdrückliche Regelung zum Radfahren gegeben, so war 1992 das Fahren eindeutig verboten worden – bis auf ein paar wenige Ausnahmen, etwa auf der asphaltierten Straße vom Hintersee zum Hirschbichlpass, hinauf zur Kührointalm unter dem Watzmannkar oder eben auch zur Gotzenalm im Hagengebirge.
Vorrang für Wanderer
Gute dreißig Jahre später hat sich bei den freigegebenen Strecken zwar ein wenig getan, viel mehr aber noch in Sachen Kommunikation. Und so setzen wir diesmal mit reinem Gewissen auf „Carbon statt Kondition“ und besuchen die Gotzenalm auf zwei Rädern.
→Die letzten gemütlichen Meter durch die Almwiesen zur Gotzenalm
Wie bei geschätzten drei Vierteln der anderen Biker kommt auch bei uns ein Teil der Kraft aus der Steckdose. Für die zwölf Kilometer lange Strecke wäre das nicht nötig, für die 1300 Höhenmeter ist es ausgesprochen angenehm, und für die letzte rassige Rampe mit ihren 25 Prozent Steigung ist die zusätzliche Power – für mich zumindest – eine Frage des „Überlebens“. Wie heißt es in der Werbung? Respekt, wer’s selber macht.
Von einem Meter zum nächsten wird es flach. Bis sich der Puls beruhigt hat, dauert es länger. Erst einmal atmen, schauen und entscheiden, ob die Reihenfolge für die nächsten zwei, drei Stunden lautet: Schorle – Kaffee – Kuchen – Feuerpalfen oder erst Feuerpalfen und dann der Rest.
Der Feuerpalfen (ca. 1700 m) schließt das geneigte Gelände der Gotzenalm im Nordwesten ab und bietet die wohl beste Aussicht auf Königssee und Watzmann-Ostwand. Für ein paar Minuten Fußweg ab dem Sattel bekommt man mehr Panorama als sonst an einem langen Wochenende. Der Feuerpalfen ist daher ein Muss.
Danach rollen wir hinab zu jenem Kaser des Gotzenalmplateaus, der bewirtschaftet ist. Vormittags haben wir noch freie Sitzplatzwahl. Die Übernachtungsgäste sind schon weg, die Wanderer noch nicht da. Die vier Stunden – wir erinnern uns! – wollen gegangen werden, und im Gegensatz zum Mountainbiker kann der Wanderer ja an jeder Stelle stoppen ohne umzukippen, kann sich umschauen und sagen „Mei, schee!“. In der prächtigen Landschaft des Nationalparks summieren sich diese Stopps auf.
→„Fußgänger haben Vorrang!“, heißt es im Nationalpark – und auch den Almverkehr gilt es als Radler im Auge zu behalten.
Zur Mittagszeit schwingen wir uns wieder in den Sattel. Alle anderen Biker sind da schon weg. Zumindest an diesem Tag scheint es für Tagesgäste eine klare Reihenfolge zu geben: morgens Biker, mittags Wanderer, abends wieder Biker.
In der Abfahrt gibt es deshalb viel Gegenverkehr. „Fußgänger haben Vorrang!“, ordnet der Bike-Flyer des Nationalparks daher an. Und zur Erinnerung steht vor dem ersten Steilstück zusätzlich ein Schild, auf dem ein Biker mit einem Auto kollidiert – autsch!
Tatsächlich gestaltet sich die Abfahrt für uns ganz problemlos. An den allersteilsten Stellen kommen uns ohnehin keine Wanderer entgegen, an dem Pärchen mit Hund fahren wir mit „Unter-Schritt-Geschwindigkeit“ vorbei und bei jedem Fußgänger, der zur Seite geht, bedanke ich mich freundlich. Auch Lächeln hab ich mit Mengenrabatt gekauft. Konflikte mit Wanderern? Nein, morgen bin ich ja selber wieder einer.
5000 Halbe Freibier
Auch drüben unterm Jennergipfel gibt es Neues für alle, die auf zwei Rädern unterwegs sind. Mit gleichem Ausgangspunkt wie zur Gotzenalm starten wir wahlweise unten am Königssee oder in Hinterbrand. Jenseits des Weidbachgrabens weist uns die Beschilderung schon vor der Mittelstation der Jennerbahn hinab zum Speicherteich und weg vom eher etwas schmalen Fußweg, der über die Strubalm zum Stahlhaus führt.
→Panorama, breite Forststraßen und jede Menge Spaß bei der Abfahrt – wie hier bei der Tour zur Gotzenalm.
Auf der breiten Forststraße der Hochbahn sausen wir hinab, hinab, hinab. Glücklich, wer die kostbaren Höhenmeter, die gerade im Fahrtwind hinter uns bleiben, locker in den Beinen hat! Was wir jetzt verlieren, müssen wir zusätzlich hinauf und später als Gegenanstieg nochmals. An den Tischen und Bänken der Königsbachalm könnte man zumindest Flüssigkeit und Kalorien nachfüllen. Die ersten Gäste haben es sich schon gemütlich gemacht.
Statt nun rechts Richtung Gotzenalm abzubiegen, radeln wir diesmal hinauf zum Schneibsteinhaus. Das darf man, durfte man schon immer. Die nächsten 348 Längenmeter vom Schneibsteinhaus bis aufs Carl-von-Stahl-Haus oben im Torrener Joch dagegen gibt es für Biker erst seit gut zehn Jahren. Wer sich vorher am Stahlhaus mit dem Bike erwischen ließ, riskierte den Gegenwert von 5000 Halben Bier für den Verstoß gegen die Nationalparkregeln. Während wir also heute ganz legal zum Stahlhaus radeln, bekommen wir 5000 Halbe Freibier geschenkt. Reden wir uns zumindest ein.
Neu ist, dass wir kurz nach der Königsbachalm auch rechts abbiegen könnten zur Priesbergalm, um dort mit perfektem Watzmannblick Almbuttermilch und Käsebrotzeit zu probieren. 1304 zusätzliche Längenmeter, die nur mäßig steil über das schöne Almgelände dahingehen, im Vergleich wenig Kraft brauchen, aber umso mehr Spaß machen. Man kann sie sogar vor oder nach dem Stahlhaus als kleinen Abstecher noch anhängen. Das ist nun wirklich ein schönes Geschenk!
In der offiziellen Version des Nationalparks spricht man natürlich nicht von einem Geschenk an die Radfahrer, sondern in bestem Behördendeutsch davon, dass auf den „testweise freigegebenen Routen die Verordnung der Unteren Naturschutzbehörde versuchsweise ausgesetzt“ ist. Spricht nach der dreijährigen Testphase nichts gegen die Radler, „können diese Wege nach einem entsprechenden naturschutzrechtlichen Verfahren dauerhaft (…) freigegeben werden.“ Wir sind gespannt!
→Auch außerhalb des Nationalparks gibt es für Biker viel zu tun.
Von den Zielen östlich des Königssees abgesehen, gibt es einen zweiten Schwerpunkt für Radlfahrer, der nördlich unter dem Watzmann liegt. Vollblutbiker steuern die Kührointalm an und freuen sich auf Bier und Brotzeit nach den 750 Höhenmetern Auffahrt von der Wimbachbrücke. Ein kurzer Bike & Hike-Abstecher geht zur Archenkanzel, einem Aussichtspunkt auf den Königssee hinunter. Für die allermeisten ist dann Schluss. Mehr Hike zum Bike muss nicht sein.
Drüben, auf der Westseite des Watzmannkars, ist das anders. Da steht auf einem Sporn das Watzmannhaus der Sektion München, Ziel für Hüttenwanderer, Zwischenziel für Watzmann-Aspiranten. Die 1300 Höhenmeter Hüttenzustieg sind für manche schon ein erster Konditionstest, bevor die eigentliche Tour Richtung Watzmann losgeht.
Dass wir jetzt testweise bis zur Stubenalm radeln dürfen, ist neu. In den Jahren von 1992 bis 2024 konnte man sich den Aufstieg zum Watzmannhaus nur in der Form erleichtern, dass man von der Wimbachbrücke bis kurz vor die Schapbachalm fuhr und dann zu Fuß über Stubenalm und Falzalm aufstieg. Jetzt kann man auch die knapp zwei Kilometer zur Stubenalm noch hinauffahren. Rund 800 Höhenmeter sind es dann noch zum Watzmannhaus.
Neben unseren Rädern parken bereits mehrere zusammengeschlossene Bikes, die klar sagen: Unsere Besitzer sind unterwegs aufs Hocheck. Um die Duathlon- Einlage waren sie sehr froh.
Im Westen was Neues
Was dürfen wir noch? Die 400 Höhenmeter zur Eckaualm unter der Hochalmscharte sind nett, aber nicht mehr. Für die gut 100 Höhenmeter Richtung Blaueishütte lohnt es sich kaum, in den niedrigeren Gang zu schalten, dann ist’s schon vorbei mit dem Bike-Teil von Bike & Hike.
→Was wären die Berchtesgadener Alpen ohne ihre Almen? Einkehrglück, hier an der Litzlalm.
Ganz im Westen dagegen, da gibt es Neues und bewährtes Altes: Zwischen Reiteralm und Hochkalter zieht das Klausbachtal nach Südwesten zum Hirschbichlpass. Jenseits geht es ins Salzburgische hinab. Einst wurde über den Pass Salz transportiert, in diversen Kriegen marschierten die Truppen, später auch die Pilger nach Maria Kirchenthal, und wer etwas weniger weit gehen wollte, blieb gleich oben am Grenzposten beim Wirt sitzen.
Für Biker gibt es attraktive Ziele. Da ist die Ragertalm, eine der jüngsten Radstrecken. Wenige Kilometer später kann man links abbiegen auf ein schmales Sträßchen zur Bindalm. Und auch die Weiterfahrt zum Schlagbaum ist möglich, vorausgesetzt, man hat den letzten, wirklich steilen Stich in den Waden. Schieben darf man natürlich immer. Kurz vor Bushaltestelle, Gasthof und Kapelle passiert man die Grenze nach Österreich und die Nationalparkgrenze. Die Weiterfahrt rechts hinauf zur Litzlalm ist ein Klassiker. Für die zwei Räder sind wir hier sehr dankbar.
Unterm Strich ist es nicht zu erwarten, dass der Nationalpark Berchtesgaden zum Bikepark mutiert. Das wäre auch gar nicht nötig. Aber es ist schön zu sehen, dass zumindest etwas Bewegung in das Mit- und Nebeneinander von Wanderern und Bikern kommt.
Der Flyer zu den Radstrecken im Nationalpark Berchtesgaden ist abrufbar unter nationalpark-berchtesgaden.bayern.de.
Den Tourentipp zur Gotzenalm gibt es hier.
Andrea Strauß geht zwar nach wie vor lieber auf zwei Beinen durchs Gebirge, aber die MTB-Möglichkeiten in Berchtesgaden findet sie trotzdem prima.
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