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Unter dem Schlagwort „alpine divorce“ wird derzeit viel über Zusammenhalt, Verantwortung und Respekt auf Bergtouren diskutiert. Drei Mitarbeitende geben Einblick, welche Grundsätze beim Alpenverein München & Oberland gelten und wie in Ausbildung und Tourenwesen kommuniziert und gehandelt wird – lange bevor Gruppen unter Druck geraten.
Text: Nadine Regel, Titelbild: Neue Formation
Am K2 steigen Bergsteigerinnen und Bergsteiger an einem schwer verletzten pakistanischen Höhenträger vorbei zum Gipfel. Am Broad Peak entscheidet sich der Extrembergsteiger Lukas Wörle gegen den Gipfel und für die Rettung eines erschöpften pakistanischen Höhenträgers, den eine andere Gruppe bereits passiert hatte. Und am Mount Everest kämpft sich Hillary Dawa Sherpa nach sechs Tagen allein von rund 7600 Metern Höhe zurück in den Khumbu-Eisfall, nachdem er von seiner Expedition am Berg zurückgelassen worden war.
Solche und andere Fälle haben Schlagzeilen gemacht. Sicherlich auch, weil sie an den medienwirksamen Achttausendern stattfanden. Aber auch in den Alpen sorgte zuletzt der Tod einer 33-jährigen Frau für intensive Diskussionen. Sie war im Januar 2025 mit ihrem Partner unter schwierigen Bedingungen am Stüdlgrat des Großglockners unterwegs. Rund 30 Meter unterhalb des Gipfels konnte sie aufgrund extremer Erschöpfung nicht mehr weiter. Am Ende überlebte nur ihr Partner, der ohne sie den Rückzug antrat. Unter dem Schlagwort „alpine divorce“, auf Deutsch „alpine Scheidung“, berichteten darauf in vor allem Frauen von ähnlichen Erfahrungen: wie sie mit ihrem Partner am Berg in Konflikt geraten und im schlimmsten Fall allein zurückgelassen werden.
Am Berg fällt die Maske, heißt es so schön. Bergtouren sind soziale Ausnahmesituationen: Körperliche Anstrengung, Wetter, Höhe und Unsicherheit beeinflussen Kommunikation, Entscheidungen und das Miteinander. Die entscheidende Frage lautet: Was entscheidet darüber, ob Seilschaften oder Gruppen unter Belastung zusammenhalten oder auseinanderbrechen?
1. Professionelle Ausbildung und Betreuung: Tobias Zehetmeier
Unser alpinprogramm ist das größte Bergsport-Angebot in und um München. Rund 600 ehrenamtliche Tourenleiterinnen und Tourenleiter begleiten die Mitglieder jedes Jahr auf etwa 2000 Touren und Kursen. Der staatlich geprüfte Berg- und Skiführer Tobias Zehetmeier arbeitet seit fünf Jahren für den Alpenverein München & Oberland und verantwortet das alpinprogramm mit. Der 41-Jährige betreut die Auswahl und Ausbildung neuer Tourenleiterinnen und Tourenleiter, unterstützt sie bei sicherheitsrelevanten Entscheidungen und ist Mitglied im Bundeslehrteam Bergsteigen des DAV.
↑ Bergführer Tobias Zehetmeier berät und betreut die Auswahl und Ausbildung unserer Tourenleiterinnen und -leiter. Foto: Archiv Zehetmeier
„Die Ehrenamtlichen führen ihre Gruppen eigenverantwortlich, sind dabei aber nicht auf sich allein gestellt“, sagt Zehetmeier. Dahinter steckt ein bewusstes System. Während staatlich geprüfte Berg- und Skiführer eine rund dreieinhalbjährige Ausbildung mit umfassender Prüfung absolvieren und gezielt auf „alpine Worst-Case-Szenarien“ vorbereitet werden, engagieren sich Tourenleiterinnen und Tourenleiter im DAV ehrenamtlich. Ihre Ausbildung für eine C-Lizenz dauert insgesamt etwa zwei Wochen und umfasst neben alpinen Grundlagen auch Führung, Kommunikation und Gruppendynamik. Ergänzt wird sie durch regelmäßige Fortbildungen (alle vier Jahre) und viel Praxiserfahrung.
Die Leiterinnen und Leiter übernehmen Verantwortung für ihre Gruppen, können sich bei komplexen Fragen jedoch auf die Unterstützung der hauptamtlichen Bergführer verlassen. Vor jeder Veranstaltung erhalten sie ein Tourenkonzept. Bei Bedarf stimmen sie sich bei Fragen zu Wetter, Route oder Sicherheit mit Zehetmeier oder seinem Bergführerkollegen Winni Kurzeder ab. Bereits in der Planung werden Risiken berücksichtigt – etwa Lawinenlage, Schlechtwetteralternativen oder Ausstiegsoptionen. Bei schwierigen Verhältnissen werden Touren abgesagt.
– Tobias Zehetmeier
Jährlich starten etwa 30 bis 50 neue Tourenleiterinnen und Tourenleiter in ihr Ehrenamt. Neben der fachlichen Qualifikation spiele vor allem die persönliche Eignung eine zentrale Rolle, betont Zehetmeier. Entscheidend sei, ob jemand Verantwortung übernimmt, auch unter Druck Entscheidungen treffen kann und die Bedürfnisse der Gruppe über eigene Ziele stellt. „Diese intrinsische Motivation, wirklich mit Menschen arbeiten zu wollen, hat man oder man hat sie nicht“, sagt Zehetmeier.
Auch das Feedback zu Veranstaltungen wird systematisch erhoben. Rückmeldungen von Teilnehmenden werden ernst genommen und gemeinsam ausgewertet. Ziel ist es nicht, Fehler zu bestrafen, sondern daraus zu lernen. Gleichzeitig gibt es klare Grenzen. Wer wiederholt respektlos handelt oder Sicherheitsregeln missachtet und keine Bereitschaft zeigt, sein Verhalten zu ändern, kann künftig keine Touren mehr leiten.
2. Die Gruppe als „Safe Space“: Ralf Mansour-Agather
Wie diese Prinzipien in der Praxis gelebt werden, zeigt Ralf Mansour-Agather. Der 59-Jährige arbeitet hauptberuflich im Mitgliederservice der Sektion München und ist als Internationaler Bergwanderführer (UIMLA) für unser alpinprogramm, aber auch für Bergschulen unterwegs.
↑ Transparente Entscheidungen und offene Kommunikation sind die Grundsätze von Tourenleiter Ralf Mansour-Agather (re.). Foto: Archiv Mansour-Agather
Für ihn beginnt eine gelungene Sektionstour lange vor dem ersten Schritt am Berg. Bei einem Videocall lernen sich die Teilnehmenden kennen und besprechen Erwartungen, Anforderungen sowie offene Fragen, etwa zur Ausrüstung. Am Tourentag nimmt er sich bewusst Zeit für eine Vorstellungsrunde. „Wer gemeinsam unterwegs ist, muss zunächst Vertrauen aufbauen“, sagt er. Deshalb fragt er nach den persönlichen Beweggründen und Erwartungen der Teilnehmenden und macht deutlich: „Ich möchte, dass die Menschen wissen: Sie können jederzeit auf mich zukommen, auch außerhalb der Gruppe.“ Dieses Vertrauen bildet für Mansour-Agather die Grundlage guter Kommunikation.
Aus seiner Sicht habe sich der Führungsstil im Bergsport grundlegend verändert. Das Bild des wortkargen Anführers, der schweigend vorausgeht und dessen Entscheidungen nicht hinterfragt werden, passe heute kaum noch zur Realität. „Menschen wollen wissen, warum ich eine Entscheidung treffe“, sagt er. Werden Wetterentwicklung, Schneeverhältnisse oder andere Risiken nachvollziehbar erklärt, tragen die Teilnehmenden Entscheidungen eher mit.
Dazu gehört auch, Menschen mit ihren Erwartungen, Unsicherheiten und Ängsten ernst zu nehmen. Gerade in den Bergen stoßen Menschen ans Limit ihres Könnens. Umso wichtiger sei es, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Sorgen offen ausgesprochen werden können. „Die Gruppe sollte ein Safe Space sein“, sagt Mansour-Agather. Wer Angst hat, umkehren möchte oder eine Pause braucht, muss das ohne negative Konsequenzen äußern können.
– Ralf Mansour-Agather
Zu seiner Aufgabe gehört auch, unterschiedliche Leistungsniveaus bewusst einzubinden. Stärkere Teilnehmende bittet er manchmal, am Ende der Gruppe zu gehen oder andere zu unterstützen. „Entscheidend ist, dass jede Person ihren Platz findet und sich weder über- noch unterfordert fühlt“, sagt er.
Mindestens ebenso wichtig wie alpine Kompetenz sei deshalb Menschenkenntnis. Tourenleiterinnen und Tourenleiter müssen schwierige Situationen früh erkennen, Konflikte einordnen – und gleichzeitig ausreichend Distanz wahren. „Die Leute erleben mich in erster Linie in meiner Funktion, nicht als Privatperson Ralf“, sagt Mansour-Agather.
Konflikte lassen sich dennoch nicht immer vermeiden. Besonders herausfordernd sind Teilnehmende, die wiederholt Absprachen missachten oder die Gruppe gefährden. In solchen Fällen setzt Mansour-Agather zunächst auf Gespräche und versucht, Verständnis für die Situation zu schaffen. Reicht das nicht aus, muss er konsequent handeln. „Am Ende geht es immer um die Sicherheit der ganzen Gruppe“, sagt er. Im Ausnahmefall kann das bedeuten, eine Person von der Tour auszuschließen oder sie von einer vorzeitigen Abreise zu überzeugen.
3. Respekt durch Perspektivwechsel: Marlies Schurz
Wenn Zusammenhalt am Berg davon abhängt, andere wahrzunehmen und Verantwortung füreinander zu übernehmen, stellt sich die Frage, wo solche Kompetenzen entstehen. Für Marlies Schurz beginnt dieser Lernprozess lange bevor Menschen gemeinsam einen Berg besteigen.
↑ Wer sich zu sehr auf eigene Ziele konzentriert, verliert sein Gegenüber aus den Augen: Klettertrainerin Marlies Schurz plädiert für Perspektivwechsel.. Foto: Archiv Schurz
Die 59-Jährige ist bei der Sektion München für Inklusion sowie die Qualität der Kinder- und Jugendtrainings im Klettern verantwortlich. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet sie für den Deutschen Alpenverein. Die Initiative „mItklettern“ begann als kleines Projekt und ist heute fester Bestandteil. Ein rund 20-köpfiges Team betreut mehrere inklusive Klettergruppen mit Menschen mit sehr unterschiedlichen körperlichen und geistigen Voraussetzungen.
Als Schurz die Aufgabe übernahm, hatte sie kaum Erfahrung mit Menschen mit Behinderung. „Das war für mich eine komplette Blackbox“, sagt sie. Fortbildungen, der Austausch mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen sowie die praktische Arbeit mit den Gruppen halfen ihr, das Team aufzubauen und das Kursangebot weiterzuentwickeln. Heute ist die Nachfrage groß. „Wir suchen inzwischen eher Kinder und Jugendliche ohne Behinderung, die Teil einer inklusiven Gruppe werden möchten“, sagt sie.
Was Schurz dabei immer wieder beobachtet, ist ein Perspektivwechsel – vor allem bei Menschen ohne Behinderung. Viele erleben zum ersten Mal, wie unterschiedlich Leistung aussehen kann. Manche Kinder mit geistiger Behinderung brauchen Wochen, bis sie sich überhaupt trauen, einen Klettergurt anzuziehen. Andere wagen es zunächst nur wenige Sekunden, in einem eingehängten Seil zu schaukeln. Ein Teilnehmer benötigte eineinhalb Jahre, bis er sich zutraute, in einer leichten Route vorzusteigen. „Für Außenstehende mögen das kleine Schritte sein, für die Betroffenen sind sie gewaltige Erfolge“, sagt Schurz. Gerade dieser Respekt vor den individuellen Fortschritten anderer sei aus ihrer Sicht der wichtigste Effekt inklusiver Gruppen.
Davon profitieren alle Beteiligten. Kinder und Jugendliche ohne Behinderung lernen in den inklusiven Gruppen nicht nur Rücksichtnahme, sondern auch Ausdauer, Beharrlichkeit und, besonders wertvoll, einen differenzierten Blick auf Leistung. Denn wer sich im Bergsport stark auf die eigenen Ziele konzentriert, dem geht der Blick für das Gegenüber leicht verloren. „Wenn dieser Perspektivwechsel gelingt und man sich fragt: Wo steht der andere gerade? Was braucht er? Dann passieren unglaublich schöne Dinge“, sagt Schurz.
– Marlies Schurz
Diese Erfahrungen versucht sie inzwischen auch auf ihre regulären Kinder- und Jugendgruppen zu übertragen. Entstehen Konflikte oder setzen sich Kinder gegenseitig unter Druck, hält sie die Situation bewusst an und fragt: Was ist gerade passiert? Wie geht es euch damit? Wie können wir das gemeinsam lösen und es beim nächsten Mal besser machen? „Wir sind soziale Wesen“, sagt Schurz „Kooperation ist unser Evolutionsvorteil.“ Soziale Lernräume zu schaffen, hält sie daher für eine wichtige Aufgabe der Alpenvereine, die sich nicht nur auf die Kurse und Touren im alpinprogramm beschränkt. Denn am Berg zeigt sich nicht nur, ob Menschen technisch bestehen – sondern ob sie Verantwortung für sich und andere übernehmen.
Wer nicht auf geführten oder geleiteten Bergtouren unterwegs ist, muss mehr Verantwortung selbst übernehmen. Acht Tipps, an was man dabei denken sollte:
1. Tourenpartner bewusst auswählenDie Zusammensetzung der Gruppe hat großen Einfluss auf die Sicherheit und das Tourenerlebnis. Erfahrung, Können und Erwartungen sollten zueinander passen. Bei neuen Tourenpartnern ist es sinnvoll, sich auf einfachen Touren kennenzulernen, um Fähigkeiten zu entdecken und Vertrauen zu entwickeln.
2. Eigene Kompetenz entwickeln und Verantwortung übernehmenSicherheit entsteht, wenn alle Beteiligten grundlegende Fähigkeiten selbst beherrschen und Entscheidungen nachvollziehen können. Kenntnisse wie Orientierung, Wetterkunde, Tourenplanung und Verhalten in Notfällen lassen sich durch Ausbildungskurse oder durch gemeinsame Tourenerfahrungen gezielt aufbauen.
3. Ziele und Erwartungen vorab klären Ob sportliche Herausforderung oder gemeinsames Naturerlebnis – die persönliche Motivation hinter einer Bergtour sollte für alle klar sein. Wenn sich Ziele nicht gut vereinbaren lassen, kann auch ein bewusst getrenntes Vorgehen eine faire Lösung sein.
4. Flexibilität durch Alternativen schaffen Eine gute Tourenplanung berücksichtigt immer mögliche Anpassungen. Dazu gehören leichtere Varianten, verkürzte Ziele oder ein klar definierter Umkehrzeitpunkt. Solche Optionen helfen, unterwegs ohne Druck Entscheidungen zu treffen.
5. Risiken systematisch einschätzen mit dem 3×3-Prinzip Das 3×3-Schema unterstützt dabei, Risiken systematisch zu beurteilen. Die drei Faktoren Verhältnisse, Tour und Mensch werden zu drei Zeitpunkten (vor, während und nach der Tour) überprüft. Mehr dazu unter alpenverein.de.
6. Rollen und Erfahrungen in der Gruppe transparent machen In privaten Gruppen bleiben Verantwortlichkeiten oft unausgesprochen. Deshalb früh klären, wer welche Erfahrung mitbringt, wer sich im Gebiet auskennt oder wer im Notfall unterstützen kann. Das stärkt die Entscheidungsfähigkeit und reduziert Missverständnisse.
7. Aufeinander achten und gemeinsam entscheiden Eine Tour gelingt dann, wenn bei Tempo, Pausen und Entscheidungen alle mitgenommen werden. Dazu zählt auch die Gruppendynamik: Wenn Unsicherheiten nicht mehr ausgesprochen werden oder einzelne Stimmen dominieren, beeinträchtigt das die Entscheidungsqualität. Offene Kommunikation ist deshalb zentral für Sicherheit und Respekt.
8. Umkehren als selbstverständliche Option verstehen Eine gemeinsam beschlossene Umkehr ist kein Zeichen von Scheitern, sondern Ausdruck von Umsicht und gegenseitigem Respekt. Wenn diese Möglichkeit vor der Tour gemeinsam akzeptiert wird, fällt es unterwegs leichter, sie ohne Druck umzusetzen.
Nadine Regel weiß aus eigener Erfahrung, wie stark Emotionen eine Bergtour beeinflussen können. Am liebsten ist sie mit ihrem Hund Ralfi unterwegs. Sein Wohl steht stets an erster Stelle, eigene Ambitionen rücken in den Hintergrund und Konflikte spielen keine Rolle.
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