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Das Valle Maira mag optisch ans Karwendel oder die Dolomiten erinnern – und ist doch ungleich rauer, stiller und abgeschiedener. Wer die weite Anreise in die italienischen Südalpen zu den Percorsi Occitani auf sich nimmt, wird mit Einsamkeit reich belohnt.
Text und Fotos: Christian Penning
→Natursteinbauten wie diese Alphütte sind typisch fürs Valle Maira und fügen sich harmonisch in die Landschaft ein.
Sieben Stunden sind es mit dem Zug ab München, mindestens. Auch mit dem Auto wäre es eine volle Tagesreise. Die Anfahrt ins Valle Maira ist lang, die Cottischen Alpen liegen eben nicht um die Ecke. Doch die Reise ist es wert. Denn am Ende wartet etwas, was lauter vermarktete Regionen kaum noch bieten können: Stille. Ursprünglichkeit. Und die Möglichkeit, wirklich zu sich zu finden.
60 Kilometer lang ist das Haupttal des Valle Maira, und damit in etwa so groß wie das Ötztal. Viel mehr Gemeinsamkeiten gibt es nicht. Frisch wie die Tautröpfchen an den Spinnweben ist der Morgen im Seitental Valle del Preit. Goldenes Licht im Lärchenwald, der Lago Nero liegt da wie ein schwarzer Diamant. Die Glocken der Piemonteser Rinder läuten in allen Tonlagen den Tag ein, hier und da zirpt eine Grille. Es ist so ruhig, als hätte jemand die Welt auf stumm gestellt. Nicht einmal Kondensstreifen stehen am Himmel. „Ein Ort, an dem die Seele atmen kann“, sagt Ludovica Scaletti. Die Wanderführerin lebt im Tal und begleitet mich an diesem Tag.
Wer das Valle Maira wirklich begreifen will, absolviert am besten die „Percorsi Occitani“. In 14 Etappen führt die Wanderroute durch das Tal, von Posto Tappa zu Posto Tappa, ohne große alpinistische Herausforderungen. Eine Art kultureller Jakobsweg. Perfekt, um den urbanen Trubel hinter sich zu lassen.
Anfang der 1990er-Jahre angelegt, sollten die Percorsi Occitani dem verlassenen Tal mit sanftem Tourismus neue Impulse geben. Auf Teilstücken überschneidet sich die Route mit der berühmten Grande Traversata delle Alpi. In den teils renovierten, teils verfallenden Weilern und Dörfern am Weg ist, wenn man überhaupt auf Menschen trifft, teils noch Okzitanisch zu hören, ein ins Mittelalter zurückreichender, gallo-romanischer Mix aus Italienisch, Französisch und Spanisch.
→Traumhaft ruhig: der Lago Nero im Valle del Preite.
Vom Lago Nero mäandert ein Pfad hinüber zum Rifugio La Meja. Die Landschaft erinnert an die Dolomiten: wellige Wiesen, ringsum verklüftete Felsmassive. Die Hüttenchefin serviert Polenta mit hauseigenem Alpkäse. Pikant, kräftig. „Jede Alp ist eine eigene Mikrowelt. Je nach Flora der Wiesen schmeckt der Käse anders“, erzählt Ludovica. Die Familie Colombero lebt den ganzen Sommer hier oben, auf knapp 2100 Metern. Lange Tage, harte Arbeit.
Neues Leben auf alten Saumpfaden
Reich waren die Menschen im Valle Maira nie. Immer galt es, der Natur das Nötige abzutrotzen. Neben dem Vieh wurden Terrassen angelegt, für Kartoffeln und Getreide, wo immer es ging. „Wegen dieses harten Lebens haben viele das Tal verlassen, als die Fabriken in Turin mit gutem Geld und einem bequemeren Leben lockten“, erzählt Ludovica.
Der Exodus begann vor rund 100 Jahren. Bis dahin war das Valle Maira lebendig und relativ dicht besiedelt. 1871 zählte die Gemeinde Marmora 1071 Einwohner. Heute sind es 25. Was für Schulen, Läden und Ärzte den Kollaps bedeutete, ist für Wanderer ein Schatz. Geblieben ist ein gigantisches Netz aus Wegen und Saumpfaden, auf denen die Percorsi Occitani heute verlaufen.
Ihren Wert hat auch der Schweizer Peter Vogt erkannt. Nach seiner Karriere als Manager wurde der Weiler Ceaglio seine zweite Heimat. Dort half der Rentner der Familie Galliano, die vom Verfall bedrohten Steinbauten in eine moderne Herberge zu verwandeln.
→Je tiefer man ins Valle Maira vordringt, desto hochalpiner wird die Landschaft, so wie hier am Col de Maurin nahe der französischen Grenze.
In jahrelanger Arbeit haben Fulvia und Alberto Galliano die Mauern renoviert und neu belebt – ein Basislager in altem Gemäuer, das an ein schmuckes Heimatmuseum erinnert. Wir wollen kein Hotel sein“, sagt Fulvia. „Unsere Gäste sollen Teil des Dorfes werden. Die Geschichte des Tals spüren.“
Abends, nach den Wanderungen, tischt die Familie auf, was Alberto in der Küche zaubert. Bagna Cauda als Antipasto, eine cremige Sauce aus Sardellen und Knoblauch. Als Hauptgang Polenta nera con patate, Buchweizenpolenta mit Kartoffeln. Nachschlag gibt es immer. „So oft du willst“, grinst Fulvia. Keiner soll hungrig vom Tisch, wie zu kargen Bergbauernzeiten.
Ein Abstecher von den Percorsi führt vom Sackgassen-Dorf Chiappera hinauf zum Col de Maurin, an die Grenze zu Frankreich. Verfallene Alphütten tauchen auf, eine Herde weißer Kühe zieht ein Seitental hinauf, die Landschaft wird hochalpiner. Mächtige Felsmassive, weite Kare. Und plötzlich, mitten in der Wildnis, ein Boot. La Barca – ein Flüchtlingsboot aus Stein, ein Werk des deutschen Land-Art-Künstlers Christof Schröder.
Das Tal als Kontrapunkt zur Stadt
Seit Jahren nutzen Geflüchtete aus Afrika den Weg über die Berge – in der Hoffnung auf ein glücklicheres Leben jenseits der Grenze. „Die Route über den Col de Maurin war jahrhundertelang eine hochalpine Handelsstraße“, erklärt Alessandro Carucci, der mich auf diesem Teil der Route begleitet. „Migration scheint ein Dauerthema im Valle Maira“, sinniert Alessandro im Aufstieg.
→Zeugen längst vergangener Tage: Im Valle Maira gibt es viele historische Weiler, mit wenigen permanenten Bewohnern.
Die Sonne scheint, selbst auf den Jöchern weht nur ein milder Wind. Ein Traumtag, an dem die Sorgen der Welt verblassen. Alessandro stammt aus der Großstadt, hat in Mailand Soziologie studiert und untersucht, was Menschen heute zurück in entvölkerte Regionen wie diese zieht. Da seien Pull-Faktoren wie Nähe zur Natur, enge Bindungen, ein langsameres Leben fernab globaler Beschleunigung. Und von Push-Faktoren: soziale Entfremdung, das Tempo der Stadt.
Heute lebt Alessandro in Dronero am Taleingang. Im Slow-Tourism sieht er eine Chance, das Tal wiederzubeleben. „Aber Wanderer allein reichen nicht. Es bräuchte Investitionen – Schulen, Ärzte, Läden.“ Solange die fehlen, bleibt Chiappera der Vorposten zum Ende der Welt.
Trotzdem ist Alessandro optimistisch. „Das Valle Maira als Kontrapunkt zur Hektik der Städte: Das schätzen immer mehr Menschen.“ Er weiß, wovon er spricht. „Seit ich raus bin aus der Stadt, fühle ich mich geerdeter“, sagt er.
Eine weitere Etappe der Percorsi Occitani führt durch steile Wälder hinauf nach Elva, auf 1630 Metern gelegen. Darüber zieht sich jenseits der 2000er-Marke ein Kammweg über einen langen, baumlosen Grat.
Auch Elva wirkt verlassen. 1901 lebten hier 1319 Menschen. Heute sind es rund 80. „Du wirst Elva lieben, das Dorf hat etwas Anarchisches“, hatte Ludovica Tage zuvor prophezeit.
→Die Felszacken von Rocca Croce Provencale und Rocca Castello nahe Chiappera zählen zu den landschaftlichen Marksteinen des Valle Maira.
Sie behält recht. Die Dagebliebenen wirken auf den ersten Blick herb. Doch sie haben das Herz am rechten Fleck. So wie ihre Vorfahren. 1943, unter deutscher Besatzung, war das Valle Maira ein Zentrum des Widerstands. Im Mai 1944 riefen die Partisanen die Repubblica Valle Maira aus, eine befreite Zone.
Kreativität zeigten die Bewohner von Elva auch schon zuvor im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Damals reisten die sogenannten „Cavie“ durch halb Europa, um langes Haar zu erstehen. Daheim fertigten sie daraus Perücken – und lieferten sie bis ans britische House of Lords und an noble Adressen in Paris.
Im aufziehenden Nebel des Abends klingt das wie ein Märchen vom einsamen Tal und der reichen Welt. Ein paar Windstöße geben den Blick frei auf wilde Gipfel und tiefe Täler. Dann verschwindet die Landschaft hinter einem weißen Vorhang. Als wäre alles nur ein Traum.
Der Münchner Ernst Göttler liebt die Abgeschiedenheit des Valle Maira. Der Vater von Höhenbergsteiger David Göttler lebt seit vielen Jahren hauptsächlich im Tal. Der Ortswechsel ist für ihn auch gelebter Umweltschutz.
↑ Fand im Valle Maira sein zweites Zuhause: der Münchner Ernst Göttler. Foto: Archiv Göttler
Du bist vor mehr als zwei Jahrzehnten ins Valle Maira gezogen. Wie hat sich das Tal seither verändert?
Ernst Göttler: Als ich mit meiner Frau Marlies vor über 25 Jahren ins Tal gezogen bin, standen noch ganze Dörfer leer. Seitdem wurden sehr viele Häuser renoviert, die meisten als Ferienwohnungen. Doch die Akzeptanz der Einheimischen ist wesentlich größer, wenn jemand das ganze Jahr im Tal wohnt.Wie viel Tourismus verträgt das einsame Bergtal?
In Summe könnte es noch mehr sein, aber er ist übers Jahr sehr ungleich verteilt: Im August ist es voll, auch Mitte September hat man Probleme, nach der Tour ein Bier zu bekommen.Welche Art von Tourismus will das Tal?
Einen sanften. Bergwandern und Bergsteigen sind bisweilen bis in den Winter möglich. Im März sind die Herbergen voll mit Skitouren- und Schneeschuhgehern. Lifte gibt es keine. Hier musst du dir jeden Höhenmeter selbst erarbeiten. Für Mountainbiker und Gravelbiker gibt es ein weites Netz an Schotterstraßen und Saumpfaden. Wegen der Vielzahl an Wegen und der kleinen Zahl an Gästen stören sich Wanderer und Biker meist nicht gegenseitig.Was zieht Auswärtige wie dich ins Tal?
Ein Innsbrucker Geografieprofessor hat neben jenen, die in der Landwirtschaft oder im Tourismus arbeiten, eine Gruppe ausgemacht, die er „New Highlander“ nennt: Menschen, die zwischen sich und dem System – was immer das auch ist – einen größtmöglichen Abstand bringen wollen. Die wollen auch keine staatliche Förderung für die Restaurierung der Häuser in Anspruch nehmen, denn damit würde sie das System wieder einholen. Mit ihnen kann ich mich sehr gut identifizieren. Ein Rentner, der dreimal pro Woche ins Gebirge fährt, sollte, um die Umwelt zu schonen, ins Gebirge ziehen. Wir haben hier maximal 15 Minuten Anfahrt zu 300 Skitouren und unzähligen Wandertouren – da ist man in München noch nicht einmal an der Stadtgrenze.
Der Autor und Fotograf Christian Penning kam tiefenentspannt aus dem Valle Maira zurück, einer irritierend ruhigen Welt mit einem Lebensrhythmus, der im Digitalzeitalter fast vergessen scheint.
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