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Wer Kletterrouten eröffnet oder saniert, schafft ein Angebot für einen boomenden Sport – und agiert vor allem in einem Raum, in dem es kaum Gesetze gibt, aber umso mehr Ethik und Moral. Ist das Selbstverwaltungsprinzip der Kletter-Community am Limit?
Text: Klara Palme; Titelbild: Christian Pfanzelt
Kletterer haben bekanntlich Nerven aus Stahl und geraten nicht so schnell aus der Fassung. Zumindest nicht, wenn es um die Suche nach dem nächsten Griff oder Tritt geht. Hitzig kann es jedoch werden, wenn der Stil beim Erschließen oder Sanieren von Kletterrouten diskutiert wird. Konflikte darüber sind so alt wie der Klettersport selbst und reichen vom „Mauerhakenstreit“ Anfang des 20. Jahrhunderts über den „Mord am Unmöglichen“ bis zu den heutigen Fehden zwischen Plaisir-Verfechtern und Bohrhaken-Gegnern. Ein prominentes Beispiel: Als die Sektion Oberland in den 90er-Jahren Bohrhaken an den Standplätzen der berühmten „Herzogkante“ an der Laliderer-Nordwand im Karwendel setzen ließ, dauerte es nicht lange, bis die Hakenlaschen durch Umschlagen unbrauchbar gemacht wurden.
Hinter den emotionalen Debatten und Taten stecken grundlegende Fragen: Wie viel Veränderung am Fels darf sein? Welche Verantwortung haben Erstbegeher, und wie weit darf man beim Sanieren bestehender Routen gehen?
Meinungen zu diesem Thema gibt es vermutlich so viele, wie es Kletterer gibt. Das Gleichgewicht zwischen Sicherheit und Ethik ist nicht schwarz oder weiß, es ist eine Nuance von grau. Auch wenn einige Erschließungsdebatten im Netz oder alpinen Zeitschriften stattfinden, werden die Regeln zu korrektem Verhalten am Fels oft mündlich weitergegeben.
↑ Mit Hakenabständen wie in der Halle lassen sich auch im Alpinklettern Grenzen verschieben. Fehlt der Respekt vor dem Abenteuer? Foto: Christian Pfanzelt
Die wenigsten Kletterer wissen, dass es einen „ethischen Wertekompass“ gibt: Im September 2002 wurde auf dem „Future of Mountain Sports“-Kongress in Innsbruck die sogenannte „Tirol Deklaration“ verabschiedet. Beteiligt am Kongress waren nicht nur 23 Bergsportverbände (natürlich auch der DAV), sondern auch namhafte Größen aus dem Bergsport, wie Alexander Huber, Reinhold Messner oder Chris Bonington. Dass man einen solchen Wertekompass als notwendig erachtete, lag u. a. an den Auswüchsen des kommerziellen Expeditionsbergsteigens (Everest-Tragödie 1996) und am immer dringlicheren Naturschutz, aber eben auch an den zunehmenden Diskussionen um das richtige Maß an Erschließung und Sanierung von Kletterrouten. Die bedeutenden Gipfel der Alpen sind bestiegen, die offensichtlichen Linien der großen Wände geklettert. Herausforderungen für kommende Generationen werden immer knapper, weshalb der Stil bei Neuerschließungen zunehmend im Vordergrund steht.
Unfallprävention oder Geschichtsver lschung?
Die Tirol Deklaration besteht im Kern aus zehn kurzen Artikeln, wobei zwei sich dem Erschließungsthema konkreter widmen. Artikel 8 hat den Titel „Guter Stil“ und bestätigt in der Maxime nur, dass Stil im Bergsport unter Selbstverwaltung steht: „Was guter Stil ist, wird (…) von den Aktiven definiert.“
Ein paar Leitplanken immerhin setzt der Artikel noch: Guter Stil ist eine „hochwertige Durchführung“, um die „sportliche Herausforderung, das Naturerlebnis und die individuelle Grenzerfahrung zu ermöglichen“. Und Artikel 9 der Tirol Deklaration hält fest, dass Erstbegehungen und Erstbesteigungen „in einem Stil durchgeführt werden (sollten), der zumindest der in der jeweiligen Region üblichen ‚Kletterethik‘ entspricht“. Aber was bedeutet das konkret?
Anlässlich 20 Jahre Tirol Deklaration hat Alpinjournalist Andi Dick 2023 im Alpenvereinsorgan bergundsteigen die Hintergründe und die Wirksamkeit der Tirol Deklaration aufgearbeitet. Der Volltext ist frei verfügbar im bergundsteigen-Archiv.
Und Friede auf Bergen: 20 Jahre Tirol Deklaration
Eine zentrale Stilfrage beim Klettern ist, ob eine neue Route traditionell „von unten“ eröffnet wird. Die Erstbegeher klettern dabei im Vorstieg in unbekanntes Gelände und bringen währenddessen ihre Sicherungen an. Linien entstehen aus der direkten Auseinandersetzung mit dem Fels, was Mut, Überwindung und selbstverantwortliches Handeln fordert.
Demgegenüber steht die, bergsportethisch gesehen, minderwertigere Erschließung von oben, bei der die Felswand im Abseilen geputzt und mit Bohrhaken ausgestattet wird. Sicher im Seil hängend bleibt genügend Zeit, um Hakenpositionen und -abstände gezielt festzulegen und sportlich attraktive Routen zu schaffen. In kurzer Zeit können so zwar viele oder lange Routen entstehen, aber Stil und Leistung hängen nicht zwingend mit Geschwindigkeit und Menge zusammen.
Und tatsächlich urteilt die Tirol Deklaration in ihrer Langfassung diesbezüglich scharf und konkret: „Das vorherige Erkunden einer Route von oben (…) reduziert die sportliche Leistung“ (Art. 8, Abs. 5); und: „Erstbegehungen von alpinen Routen werden ausschließlich ‚von unten‘ durchgeführt.“ (Art. 9, Abs. 2.)
Auch die Wahl der Sicherungsmittel spielt eine wichtige Rolle. Bohrhaken, Schlaghaken oder mobile Sicherungen? Viele Alpinisten bevorzugen letztere, denn Keile und Klemmgeräte werden wieder entfernt und hinterlassen keine dauerhaften Spuren. Die Verantwortung für eine gute Absicherung, aber auch das Gefühl der Erstbegehung, gehen auf die Wiederholer über, die entsprechende Erfahrung und solides Können mitbringen müssen. Dies gilt auch für Schlaghaken, die zwar meist in der Wand verbleiben, aber oft durch mobile Sicherungen ergänzt werden müssen.
Andere sehen Bohrhaken als einzig legitimes Mittel, um Routen sicher und vor allem nachhaltig begehbar zu machen. Ob der Fels möglichst unberührt bleibt oder zugunsten des Sports technisch verändert wird, bleibt dem Erschließer überlassen. Ein klares Tabu ist zumindest das Abschlagen von Griffen, das Vergrößern von Tritten oder andere künstliche Veränderungen am Fels.
↑ Früher hat’s die Köpfelschlinge getan, aber doppelt hält eben besser: Bohrhaken können den gesamten Charakter einer Kletterroute ändern. Foto: Georg Pollinger
Untrennbar damit verbunden die Frage nach der Zahl von fixen Sicherungen. Wann ist eine Route ausreichend gesichert, wann ist sie übersichert? Während im modernen „Plaisirklettern“ eng gesetzte Bohrhaken selbstverständlich sind, ist bei traditionellen alpinen Routen mehr Selbstverantwortung gefragt. Weite Hakenabstände fordern nicht nur körperliches Können, sondern auch eine gute Selbsteinschätzung, Selbstüberwindung und eine starke Psyche.
Werden solche Passagen nachträglich mit zusätzlichen Bohrhaken versehen, verändert sich der gesamte Charakter einer Kletterroute. Besonders bei der Sanierung historischer Linien ist das extrem heikel. Alte Haken korrodieren und müssen irgendwann ersetzt werden. Doch soll man dabei lediglich die vorhandenen Sicherungen erneuern oder die Gelegenheit nutzen, um Routen an moderne Sicherheitsstandards anzupassen? Befürworter zusätzlicher Haken argumentieren mit Unfallprävention, Gegner sprechen von einer Verfälschung der Alpingeschichte, denn Mut und Risikobereitschaft sind zentrale Bestandteile der damaligen Leistung.
Die Tirol Deklaration bezieht auch hier klar Stellung: „Der ursprüngliche Charakter einer Kletterroute muss bewahrt werden, eine nachträgliche Erhöhung von Fixpunkten ist ohne Absprache mit den Erstbegehern tabu.“ Ähnliches gilt auch bei der Erschließung, die an den Stil der bestehenden Routen angepasst und mit der lokalen Gemeinschaft abgesprochen sein sollte.
Was zählt die Tirol Deklaration heute in der Praxis?
So weit die Theorie. Als selbst erarbeitetes Wertefundament sind diese Regeln der Tirol Deklaration zwar in Kletterführern, DAV-Empfehlungen und teilweise in regionale Vereinbarungen eingeflossen. Aber wer hält sich daran? Wer nimmt freiwillig das Risiko in Kauf, dass eine Erschließung eingeschränkt oder sogar verboten wird?
Im Klettersektor „Traumfängerwand“ in Kochel war die Freude über neue Routen kurz, denn nach der Veröffentlichung wurde der Erschließer aufgrund naturschutzrechtlicher Vorgaben sanktioniert. Ein für diese Region von DAV, IG Klettern, Behörden und Naturschutzverbänden gemeinsam erarbeitetes Kletterkonzept sollte solche Konflikte vermeiden.
Artikel 1 EigenverantwortungArtikel 2 TeamgeistArtikel 3 Die Gemeinschaft der Bergsteiger und KlettererArtikel 4 Zu Gast in fremden LändernArtikel 5 Pflichten von Bergführern und anderen GruppenleiternArtikel 6 Notsituationen, Sterben und TodArtikel 7 Zugangsfragen und NaturschutzArtikel 8 Guter StilMAXIMEFür viele Bergsteiger und Kletterer ist es wichtiger, wie sie ein Problem lösen, als dass sie es lösen. Was „Guter Stil“ ist, wird für jede einzelne Disziplin des Bergsports von den Aktiven definiert, wobei es erhebliche regionale und nationale Unterschiede gibt. Um die sportliche Herausforderung, das Naturerlebnis und die individuelle Grenzerfahrung zu ermöglichen, streben Bergsportler eine stilistisch hochwertige Durchführung von Unternehmen in der von ihnen jeweils betriebenen Disziplin an. Dabei beachten sie die oben formulierten sozialen und ökologischen Standards. (…)5. Die allgemein angestrebte Form der Durchsteigung einer Freikletterroute – sowohl im Plaisir- als auch im Abenteuermodus – ist die Rotpunkt-Onsight-Begehung. Das vorherige Erkunden einer Route von oben sowie das Einüben der Bewegungen reduziert die sportliche Leistung. Eine mit Ruhen oder Sturz durchgeführte Begehung gilt als nicht vollwertig. (…)7. Wir sind bestrebt, den ursprünglichen Charakter aller Kletterführen zu erhalten, vor allem jener mit historischer Bedeutung. Dies heißt, dass Kletterer darauf verzichten sollten, die Zahl der fixen Sicherungen in einer Route zu erhöhen. Hiervon kann abgesehen werden, wenn man sich auf örtlicher Ebene einig ist – dazu gehört auch die Zustimmung der Erstbegeher –, dass die Zahl der Sicherungen durch das Hinzufügen oder Entfernen von Fixpunkten geändert werden soll. (…)
Artikel 9 Erstbegehungen und ErstbesteigungenMAXIMEDie Erstbegehung einer Route ist wie die Erstbesteigung eines Berges ein kreativer Akt. Sie sollte in einem Stil durchgeführt werden, der zumindest der in der jeweiligen Region üblichen „Kletterethik“ entspricht und Verantwortung zeigen gegenüber der örtlichen Bergsportgemeinschaft sowie den Bedürfnissen kommender Generationen.
1. Erstbegehungen und Erstbesteigungen sollten nur durchgeführt werden, wenn dies naturverträglich möglich ist und sie im Einklang stehen mit den örtlichen Regelungen, den Wünschen der Grundbesitzer und dem religiösen Empfinden der lokalen Bevölkerung.2. Wir verzichten darauf, den Fels durch das Schlagen und Anbringen von Haltepunkten zu verändern.3. Erstbegehungen von alpinen Routen werden ausschließlich „von unten“ durchgeführt. 4. Solange sie die lokalen Traditionen in vollem Umfang respektieren, steht es den Erstbegehern frei, selbst über den Absicherungsstandard ihrer Führe zu entscheiden (unter Beachtung der unter Artikel 8 formulierten Empfehlungen). (…) 7. Abenteuerführen sollten so weit wie möglich im Naturzustand belassen werden. In diesen Routen sollten wir möglichst mobile Sicherungsmittel zum Einsatz bringen, Bohrhaken äußerst sparsam einsetzen und die lokalen Traditionen respektieren. (…) 10. Es ist wichtig, über Erstbegehungen und Erstbesteigungen so detailliert wie möglich zu berichten. Die Ehrlichkeit und Integrität eines Kletterers und Bergsteigers wird nicht in Zweifel gezogen, solange keine eindeutig belastenden Beweise vorliegen. (…)
Artikel 10 Sponsoring, Werbung und Public Relations
Als Konsequenz unseres Verhaltens entstehen Regeln, die gerade bei Kletterern extrem unbeliebt sind. Aber wie können wir sonst respektvollen Umgang durchsetzen? Positive Beispiele – auch die existieren im Oberland – gibt es dann, wenn alle Beteiligten frühzeitig eingebunden und ihre Bedürfnisse respektiert werden, von Behörden über Ranger bis hin zu den Almbauern und der lokalen Kletterszene. Das kostet zwar Zeit, aber durch den respektvollen Umgang miteinander und eine sinnvolle Zutrittsbeschränkung, beispielsweise durch den Verzicht auf Veröffentlichung, lassen alle wohlwollend Raum für Neues. Nur so kann der Erhalt empfindlicher Lebensräume und Arten auf Augenhöhe mit der Entwicklung des Klettersports stehen.
Der Klettersport ist in den 2010er-Jahren explodiert und boomt bis heute. Leider blieb der unter Kletterern weitergegebene Wertekodex dabei auf der Strecke. Was zählt, ist die Kletterschwierigkeit, nicht ethisch-moralisches Verhalten. Aufgrund der Klimaerwärmung und des vermehrten Einsatzes von E-Bikes werden höhere Lagen und Nordwände im alpinen Raum zunehmend attraktiver. Es ziehen Kletterer in historische Gebiete, denen Ethik am Fels unbekannt ist. Akkubohrer und (rostende) Haken sind billig, warum also nicht neue Herausforderungen schaffen und Anerkennung sowie Follower ernten?
In einer kompetitiven Erlebnisgesellschaft geht Quantität vor Qualität. Hauptsache viel, Hauptsache schwer, Hauptsache möglichst bequem. Was wir in den Alpen vielerorts erleben, ist Konsum-Erschließen par excellence und weit entfernt von strenger Ethik wie im Yosemite, wo jegliche Erschließung von unten erfolgt und alle Haken mit der Hand gebohrt werden müssen. Wir bewundern solche Regelwerke, leben aber nicht das, was wir uns mit der Tirol Deklaration selbst gegeben haben.
Natürlich muss es für Kletteranfänger, Plaisirund Extremkletterer ein Angebot geben. Zwischen gut abgesicherten Plaisirrouten und anspruchsvollen Abenteuerlinien existiert ein breites Spektrum, in dem sich jeder Bergsportler finden und entwickeln kann. Bedenklich ist aber, wenn, wie an der Benediktenwand, historisch hakenfreie Linien nachträglich mit Bohrhaken ausgestattet werden. Was die einen freut, versetzt anderen einen tiefen Stich ins Herz.
Und zur Wahrheit gehört auch, dass nicht alle Alpenvereinssektionen, die aufgrund ihrer Hütten eine gewisse Verantwortung für benachbarte Wände tragen könnten, diese auch wahrnehmen. Sicherheit durch technische Mittel geht vor Sicherheit durch Erfahrung und Können.
Es kommt also auf jeden Einzelnen von uns an: Ist der Fels ein Sportgerät, das den Bedürfnissen der jeweiligen Generation angepasst werden darf, oder ist er Teil eines kulturellen und historischen Erbes, dessen ursprünglicher Charakter bewahrt werden sollte?
Die Antwort liegt irgendwo dazwischen. Doch nur mit Ehrlichkeit, Respekt und Eigenverantwortung schaffen wir es auch in der Zukunft. Wer nicht den besten Stil anstrebt, bestiehlt sich selbst und zukünftige Generationen um eine Möglichkeit der individuellen Grenzerfahrung. Die wertvollste Spur sollte auch weiterhin nicht jene sein, die dauerhaft im Fels zurückbleibt, sondern das Erlebnis und die Veränderung in unserem Inneren.
Klara Palme will dazu anregen, die persönliche Weiterentwicklung und das tiefe Erleben wieder über Selbstdarstellung und das bloße Abhaken von Routen zu stellen.
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