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Berge erleben, Berge erhalten – wie gut passt das zusammen? Franziska Vogel (Sektion München) und Ulrike Lierow (Sektion Oberland) von unseren Ressorts für Natur, Umwelt und Klima zur Frage, wie es um den Respekt vor der berühmten Doppelrolle des Alpenvereins bestellt ist.
Interview: Thomas Ebert; Foto: picture alliance / Frank Hörmann
↑ Abwägen zwischen Hot und Cold Spots: an der Baumgartenschneid über dem Tegernsee
Berge erleben. Berge erhalten – das ist das Motto des Alpenvereins München & Oberland. Wo erlebt ihr Konflikte zwischen diesen beiden Ansprüchen?
Franziska Vogel: Wir haben schon Ecken in unseren Arbeitsgebieten, die sehr überlaufen sind. Da stoßen viele Interessen aufeinander: Wunsch nach Erholung in allen Formen, aber auch die Almwirtschaft. Und auch der Erhalt der Artenvielfalt funktioniert ja nur, wenn nicht überall Kühe drübertrampeln und Hunde draufbieseln. Wildtiere und Pflanzen brauchen ruhige Rückzugsbereiche. Viele Menschen können irgendwann schon zum Störfaktor werden. Unsere Daseinsberechtigung ist die Umweltbildung, damit wir dieses Paradoxon – Fördern des Bergsports, Schutz der Bergwelt – gelöst bekommen.Ulrike Lierow: Einerseits sehe ich steigende Ansprüche nach immer mehr Unterhaltung und Infrastruktur. Es fehlt häufig das Bewusstsein, dass wir uns hier oben in einer anderen, viel sensibleren Welt befinden, obwohl wir da eh schon alles haben, vom WLAN bis zum 4-Gänge-Menü. Da müssen wir gute Kompromisse finden. Auch Abkürzer über Wiesen, Müll in der Natur, Ruhezeiten von Tieren – da gibt es noch viel Aufklärungsbedarf. Andererseits glaube ich auch, dass die Schönheit und Mächtigkeit der Gebirgslandschaft unglaublich Respekt und Demut schaffen kann. Man kriegt einen anderen Blick auf die alpine Welt, wenn man sich direkt in ihr bewegt, und sie nicht nur aus dem Fernsehen kennt.
Übernachtungsplätze auf Hütten sind knapp, neue Schutzgebiete beschränken Tourenoptionen, die engagierten Klimaziele des DAV werden bisweilen als Bevormundung empfunden. Kommt der Bergsport beim DAV zu kurz?
Franziska Vogel: Vielen Neumitgliedern wird diese Doppelrolle nicht so klar sein, weil erst mal die sportlichen Interessen im Vordergrund stehen. Aber für unsere Naturschutzaktionen, vom Schwenden bis zur Müllsammeltour, finden sich problemlos genügend Leute. So erlebt man Gemeinschaft am Berg, während man etwas für den Naturschutz macht. Da löst sich die Doppelrolle dann auf – es gibt kein Entweder-Oder. Ulrike Lierow: Weil das Stichwort Bevormundung gefallen ist: Das nehmen wir in erster Linie beim Klimaschutz wahr. Wir wollen aber nicht mit dem Zeigefinger wedeln, sondern Offenheit und Motivation in den Menschen freikitzeln. Der ÖPNV zum Beispiel ist ja nicht nur negativ, er macht auch Überschreitungen möglich oder eine Anreise jenseits von Stau und Parkplatzsuche. Ganz generell: Wenn wir die Themen Natur, Umwelt und Klima aus den Augen verlieren, dann kommt der Bergsport langfristig in jedem Fall zu kurz – denn dann entziehen wir ihm die Grundlage.
Nur was man liebt, schützt man – glaubt ihr an diese These?
Franziska Vogel: Ein Stück weit schon, ja. Es gibt doch kaum etwas Schöneres, als in einer Gruppe gemeinsam die Natur zu entdecken – fleischfressende Pflanzen im Ammergebirge oder Tiere in freier Wildbahn, die man sonst nur im Streichelzoo sieht. Da weiß man diesen besonderen Naturraum vor unserer Haustür direkt zu schätzen, das geht nicht nur mit Powerpointfolien. Die These hat aber auch Grenzen. Alle lieben Murmeltiere, aber dass Autofahrten in die Berge zum Klimawandel beitragen und dieser früher oder später Murmeltiere ausrottet, ist nicht so gut greifbar. Liebe allein scheint nicht zu reichen. Ulrike Lierow: Menschen engagieren sich sicher mehr für etwas, woran sie Freude haben. Ich finde es gut, dass wir mit unseren Mitgliedern über unsere Klimaschutzziele debattieren. Wo man eingebunden ist, trägt man auch mehr Verantwortung, das ist wie beim Gemeinschaftsbeet. Leute mit in die Verantwortung nehmen, von der Zielsetzung bis zur Umsetzung, an dieses Prinzip glaube ich. Trotzdem kann es gar nicht genug Umweltbildung geben.
– Ulrike Lierow
Fehlt es euch manchmal am Respekt für die Doppelrolle des DAV, der ja Bergsportverband und zugleich Naturschutzverband ist?
Franziska Vogel: Es fehlt eher am Bewusstsein, dass der DAV sich auch dem Naturschutz verschrieben hat und sich nicht nur um die Wege kümmert. Auf unseren Aktionstagen in Schutzgebieten oder zur Hüttenversorgung führen wir auch Listen, wie die Ansprache vor Ort war. Das sind zu 99 Prozent positive Reaktionen. Da wird dann mit großer Freude Kaffeepulver auf die Schönfeldhütte getragen. Mit solchen Themen kann man die Menschen abholen. Beim Klimaschutz schaut das schon ein bisschen anders aus.Ulrike Lierow: Ich erlebe sehr viel Zustimmung für diese Doppelrolle. Viele Bergsportler haben verstanden, dass sie mit Umweltschutz die Grundlage für ihre Leidenschaft bewahren. Ich nehme aber auch die Position „Nervt uns nicht mit Klimawandel“ wahr – vor allem auf Social Media. Naturschutz ist unmittelbarer als Klimaschutz. Ein zertretenes Edelweiß sieht jeder sofort, beim Autofahren lassen sich die Auswirkungen leichter verdrängen. Vieles muss man erst spüren, bevor man aktiv wird – uns fehlt ja noch nicht die Luft zum Atmen.
Woran liegt es, dass Bergsport und Naturschutz oft als Gegensätze verstanden werden, die, wenn überhaupt, nur mit großen Spagaten in Einklang zu bringen sind? Geht nicht auch beides zugleich?
Franziska Vogel: Wichtig ist, nicht alles schwarz-weiß zu sehen. Wenn wir als DAV gegen eine Fahrstraße zu einer Alm argumentieren, weil diese ein bisher kaum berührtes Gebiet erschließen würde, werden uns natürlich die Fahrwege zu unseren Hütten vorgehalten. Manchmal ist Bergsport und Naturschutz ein Widerspruch. Ich erlebe aber auch, etwa von Behördenseite, dass unsere Doppelrolle geschätzt wird: Weil wir in beide Richtungen vermitteln können und wissen, wie man ein Schutzgebiet effektiv ausschildert – nämlich nicht erst dort, wo man mit den Tourenski schon im Traumhang steht.Ulrike Lierow: Vielleicht müssen wir die Wirkungszusammenhänge noch stärker aufzeigen und damit auch, dass Bergsport und Naturschutz zwingend zusammengehören. Besucherlenkung wird in Zukunft noch wichtiger sein, auch das Abwägen zwischen Hot und Cold Spots. Ich vermute aber auch, dass wir allein mit Freiwilligkeit nicht genug erreichen werden. Vielleicht müssen wir an manchen Stellen normativ an Komfort und Angebot herangehen. Das könnte Parkraum und -kosten betreffen, aber auch unsere Hütten. Es muss nicht jeden Tag Dusche und Fleisch sein. Wir haben nicht mehr endlos Zeit.
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