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Seit über einem Jahr hilft Olga Boiarova dabei, russische und ukrainische Geflüchtete in den Alpenverein und die Bergwandergruppe (BWG) zu integrieren. Ihr Engagement reicht dabei weit über den Alpenverein hinaus.

Text: Interview; Titelbild: privat, alpinwelt 3/2026


Du engagierst dich sehr für ukrainische und russische Geflüchtete. Was genau machst du?

Olga: Angefangen hat alles im März 2022 mit GOROD, als der Krieg in der Ukraine begann. Ich wollte mich einbringen, denn Geld zu spenden ist für mich als Russin nicht sicher. Da bin ich auf das Wanderangebot des Münchner Kulturzentrums GOROD der Gesellschaft für Integration und Kultur in Europa e. V. gestoßen. Außerdem organisiere ich seit 2022 auch Wanderungen über eine private Telegram-Gruppe. Zur Bergwandergruppe (BWG) der Sektion Oberland bin ich dann vor gut eineinhalb Jahren gekommen.

Wie das?

Nach einem Jahr, in dem ich Wanderungen bei GOROD angeboten hatte, merkte ich, dass es mir gefällt und ich mich in diesem Bereich ausbilden lassen möchte. So bin ich auf die Ausbildung beim Alpenverein gestoßen. Als ich diese Ende 2024 abgeschlossen hatte, folgte ich dem Aufruf der BWG nach neuen Tourenleitern. Ich wollte in kleinem Rahmen starten, bevor ich Touren im alpinprogramm anbiete. Davor hatte ich ein bisschen Respekt, auch weil ich nicht wusste, wie die Kommunikation klappen würde und ob ich es schaffen würde, wirklich diese Brücken zwischen den Leuten zu bauen.

Und dieser Plan ist offensichtlich aufgegangen?

Ja, auf jeden Fall. Inzwischen bin ich stellvertretende Gruppenleitung in der BWG und starte ab diesem Jahr auch im alpinprogramm mit zwei Veranstaltungen. Ich habe gemerkt, wie die Leute ticken. Und genau das versuche ich jetzt weiterzugeben. Mein Ziel ist es, dass die Leute zum Alpenverein kommen, damit sie sich sicherer fühlen – sowohl in der Gemeinschaft als auch mit der Bergeversicherung –, die Sprache lernen und integriert werden.

Wie viele geflüchtete Menschen sind denn mittlerweile der BWG beigetreten?

Nicht so viele, wie ich mir wünsche, weil es doch recht umständlich ist. Zunächst müssen sie Mitglied im Alpenverein werden. Da Ge­flüchtete oft nur wenig Geld haben, ist der Mitgliedsbeitrag für viele zu teuer. Deshalb konnten wir Menschen mit Aufenthalt in Deutschland nach § 24 einen kostenlosen Versicherungsschutz beim Alpenverein sowie die Aufnahme in die BWG ermöglichen, und ich unterstütze auch dabei, dass andere zumindest von dem vergünstigten Sozialtarif wissen. Schwieriger ist da fast noch die Anmeldung zu Touren: Menschen aus der Ukraine oder Russland sind einfachere Anmeldeverfahren, etwa über Telegram-Gruppen, gewohnt. Bei den vielen Schritten im Intranet geben viele einfach auf.


Ein Anblick, der Olga glücklich macht: Teilnehmende, die sich unter ihrer Leitung zunehmend anspruchsvollere Touren zutrauen.

↑ Ein Anblick, der Olga glücklich macht: Teilnehmende, die sich unter ihrer Leitung zunehmend anspruchsvollere Touren zutrauen. Foto: privat


Liegt es nur an der Website oder ist auch die Sprache ein Faktor?

Zunächst ist es die Sprache, aber auch die Aufindbarkeit des Gruppenprogramms im Intranet. Oft muss ich Interessierte mit einer Schritt-für-Schritt-Anleitung mit Screenshots durch die Website lotsen. Teilweise sind es Menschen, die in Russland oder der Ukraine Alpinisten waren, die dann hier aufgrund der Sprachbarriere nicht einsteigen können.

Wie viel Zeit investierst du dafür?

Mit all meinen Angeboten bin ich jedes Wochenende mindestens einmal wandern und unter der Woche organisiere ich auch Kletter- oder Laufrunden. So 500 Stunden im Jahr, also gut 40 Stunden im Monat, dürften es schon sein. Ich bin eigentlich nie allein am Berg. Es gibt immer jemanden, der gerade Gesellschaft braucht. Wenn man gemeinsam wandert, muss man als Team denken und aufeinander aufpassen. Man passt etwa die Geschwindigkeit aneinander an, fragt, ob jemand eine Pause braucht, oder teilt die Brotzeit. So erfährt man in der Gruppe Unterstützung.

Unterstützung, die du in deiner Anfangszeit hier vielleicht nicht hattest? Ist das ein Grund, wieso du dich jetzt dafür engagierst?

Es gibt viele Gründe. Mit der Zeit habe ich einfach gemerkt, dass ich Menschen gut zusammenbringen kann. Ich mag auch die Rolle, eine Atmosphäre zu schaffen, in der gelacht wird und in der sich alle willkommen fühlen. Gerade geflüchtete Menschen kommen so für ein paar Stunden gedanklich vom Krieg weg und können Gemeinschaft erleben. Außerdem möchte ich den Leuten zeigen, was es hier alles gibt. Man kann so viel mit dem Zug oder Bus erreichen und braucht dafür nicht viel Geld – und dafür möchte ich ein Vorbild sein. Ich habe immer nach meiner „Sache“ im Leben gesucht. Mit dem Wandern und den Gruppen habe ich sie gefunden. Das erfüllt mich absolut.


Porträt Olga Boiarova

Die Wirtschaftsinformatikerin Olga Boiarova kam 2012 für ein Freiwilliges Soziales Jahr nach Bad Kissingen – und lernte die Alpen kennen und zu schätzen. Drei Jahre später zog die gebürtige Russin ganz nach Deutschland – etwa zwei Wochen später war die 42-Jährige schon Alpenvereinsmitglied. Ihr Ziel bei ihrem Engagement: „Passende Menschen zusammenbringen, weil dadurch die Gesellschaft besser wird.“


Ehrensache Ehrenamt?

Ohne Ehrenamt kein Alpenverein. Wenn du mit dem Gedanken spielst, dich bei uns zu engagieren – ganz egal, ob regelmäßig oder punktuell –, findest du auf unserer Website unter „Ehrenamt“ weitere Informationen.