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Der Kriechbaumhof, ein dreihundert Jahre altes Holzhaus in Haidhausen, bot früher eine Herberge für Reisende, die es abends nicht mehr durch die Stadtmauer schafften. Heute ist es der Treffpunkt einer Jugend, die ehrenamtlich Touren in den Bergen plant, Kinder ausbildet – und politisch etwas bewegen will.

Im Garten hinter dem Haus ist von der Stadt kaum noch etwas zu hören. Ein Eichhörnchen läuft über die Äste, irgendwo summt eine Hummel, fast so, als wäre man auf einer Alm im Allgäu und nicht in der Münchner Innenstadt. Maximilian Leser sitzt entspannt im Garten. Er ist Landesjugendleiter der JDAV Bayern und weiß genau, was dieser Ort bedeutet. „Das ist unser Raum, den gestalten wir“, sagt er. „Wir sagen, wann welche Themen besprochen werden und wer da ist. Und das ist wichtig.“ Das Haus gehört nicht dem Deutschen Alpenverein. Die JDAV mietet es selbst, aus eigenen Mitteln.

Max Leser kam mit elf Jahren über einen Kletterkurs zur JDAV. Aus dem Hallenklettern wurde bald das Klettern am Fels, dazu kamen Skitouren und schließlich die Hochtouren und das Alpinklettern. „Mit 16 habe ich gesagt: Ich will das zurückgeben“, erzählt er. „Ich will selbst Jugendleiter werden, eine eigene Jugendgruppe haben und die nächste Generation von Bergsteigern prägen.“ Ihn selbst geprägt haben Erlebnisse wie beim JDAV-Jugendaustausch nach Südamerika, als man sich mit einer ecuadorianischen Jugendgruppe kulturell, sprachlich und politisch austauschte. Gemeinsam kämpfte man sich schließlich „bei vielen Minusgraden und sehr wenig Sauerstoff“ auf den Chimborazo – was einen Zusammenhalt erzeugte, der durch Fortbildungsstunden nicht möglich sei. „In den Bergen gibt es Situationen, wo du nicht sagen kannst, es funktioniert halt nicht, sondern es muss funktionieren“, so Max. Wer klitschnass aus dem Gewitter kommt und gemeinsam bis zur Hütte durchhält, vergisst das nicht.

 

Maximilian Leser, Landesjugendleiter in Bayern, im Garten des Kriechbaumhofs

↑ Maximilian Leser, Landesjugendleiter in Bayern, im Garten des Kriechbaumhofs. Foto: Marlon Geißler


Wasser- und Sauerstoffmangel: Wie Bergsport bildet

Bei Henri Meyer-Gauen lief es ähnlich, nur führte sein Weg früh nach Berlin. Heute ist er, mit zwanzig, stellvertretender Bundesjugendleiter der JDAV. Seine Jugendleiter-Ausbildung machte er im Alter von 16. Schon ein Jahr später besuchte er das erste Mal den Bundeskanzler. „In der JDAV haben wir einen ganz, ganz hohen Bildungsauftrag“, erklärt Henri. „Wie bekommt man junge Menschen zu einem gesunden Verhältnis zu Wagnis und Risiko?“

Ob Lawinentraining, Spaltenbergung oder Sicherungskurse: Die JDAV bildet nicht nur ihre eigenen Jugendleiter*innen aus, sie geht mit Programmen wie „Check Your Risk“ auch in Schulen. Henri erinnert sich an seine damalige Jugendgruppe und an den anspruchsvollen Aufstieg zu einer Hütte durch eine Steinschlagzone. „Die ganze Zeit haben wir nur herumgealbert. Dann haben wir zu hören bekommen: Jetzt bitte den Mund halten, ruhig und achtsam sein!“ Er denkt kurz nach. „Das ist ein wichtiger Punkt. Man muss sich dafür sensibilisieren, dass man sich in einem Raum befindet, in dem Aufmerksamkeit erforderlich ist.“ Henri geht es dabei nicht nur um die Gefahr, sondern auch um den Respekt vor der Umgebung. „Mit Wasserknappheit auf einer Hütte konfrontiert zu sein und wie autark sie sein kann. Das ist eine Erfahrung, die ich wertzuschätzen gelernt habe.“

 

Henri Meyer-Gauen im Gespräch mit Bundespräsident Steinmeier
↑ Henri Meyer-Gauen im Gespräch mit Bundespräsident Steinmeier; Foto: DAV / Marco Kost


Max’ Bildungsauftrag beginnt im Kleinen: Als Jugendleiter spricht er mit den Kindern über die Müllbelastung in den Bergen und versucht, sie für dieses Thema zu sensibilisieren. „Das sind Sachen, die passieren einfach. Es sollte das Selbstverständnis jeder verantwortlichen Person sein, das weiterzugeben.“ Sein größeres Ziel für die Bildungsarbeit formuliert Max so: „Ziel ist es, die Kinder sich zu mündigen und re­fektierten jungen Bergsteigern entwickeln zu lassen. Keiner hat die Weisheit mit Löffeln gefressen. Themenfelder und Krisen werden sich verändern. Entscheidend ist es, dass diese junge Generation später mit eigenen Ideen und Herangehensweisen arbeiten kann.“

Max und Henri kennen sich nur ­flüchtig. Sie sind auf verschiedenen Ebenen der JDAV tätig, der eine in Bayern, der andere auf Bundesebene. Dennoch greifen beide spontan zu dem selben Wort, wenn sie ihre Arbeit beschreiben: „Verwaltungsbergsteigen“. Es beschreibt den Widerspruch, in dem die JDAV lebt. Ein Verband, der für den Bergsport brennt und trotzdem einen Großteil seiner Zeit in Sitzungsräumen verbringt. Henris Minimum sind zehn Sitzungen der Bundesjugendleitung, vier Präsidialausschüsse und Sondertermine im Jahr. Es gibt Wochen, in denen er in alpines Gelände führt, Abgeordnete trifft, Sitzungen leitet und trotzdem auf keinen einzigen Berg steigen kann. „In manchen Wochen sind es 40 Stunden. Es ist so viel, dass du keinen Job nebenbei machen könntest.“ Alles ehrenamtlich, keine Bezahlung, kein Ausgleich. Max sieht seine ehrenamtliche Arbeit pragmatisch und vor allem nicht als Aufwand: „Man überlegt sich, was man mit seiner Zeit macht. Man kann Bergsport machen, Jugendarbeit oder Vereinspolitik vorantreiben. Die Themen schließen sich per se nicht aus und ermöglichen eine gesunde Balance.“

Man kann nicht nicht politisch sein

„Junge Menschen sind stark von politischen Entscheidungen betroffen, werden aber aufgrund ihres Alters oftmals überhört“, konstatiert Henri. Seine Ambition ist es, dass sich Ministerien am Ende jedes Gesetzesentwurfs die Frage stellen: Haben wir die Jugend bedacht? „Das passiert aktuell jedoch nicht“, so Henri. Die JDAV versucht, daran etwas zu ändern, mit Abgeordnetengesprächen im Bundestag, mit Terminen beim Bundesumweltminister und beim Bundeskanzler. Manchmal bleibt davon nur ein Foto. Und genau das bringt Henri auf. „Youthwashing“ nennt er es. „Es regt mich total auf, wenn ich nach Brüssel fahre, drei Tage bei einem Event bin, das vom EU-Parlament organisiert wird, wir lediglich eine Mindmap malen und mit keinem einzigen Mitglied des Europäischen Parlaments reden. Das ist einfach lächerlich.“ Die JDAV hat gelernt, echte Gespräche von solchen zu unterscheiden, die nur so aussehen sollen.


Die JDAV

Die JDAV ist mit rund 378.000 Mitgliedern einer der größten Jugendverbände Deutschlands. Angehörig sind alle Mitglieder des DAVs bis einschließlich 27 und Ehrenamtliche. Auch wenn der DAV mit seinen 1,64 Millionen Mitgliedern hinter ihr steht, ist die JDAV keine Unterabteilung, kein Jugendreferat, keine Alibiveranstaltung. Sie hat eigene Gremien, eine eigene Geschäftsführung und führt eigene politische Beschlüsse. Der DAV gibt ihr Raum und Geld und lässt ihr freie Hand.


Für Max ist das politische Engagement grundsätzlicher. „Wir können gar nicht nicht politisch sein“, sagt er, „weil wir sonst unsere Existenzgrundlage verlieren.“ Wenn die Gletscher schmelzen, die Natur schwindet und die nächste Genaration die Probleme aufarbeiten muss, dann betrifft das die JDAV unmittelbar. Klimaschutz, Mobilität, Naturschutz und Aufklärung sind für den Verband keine abstrakten Politikfelder, sondern Alltag. Und wenn die JDAV als „Ableger der Grünen in Wanderhosen“ bezeichnet wird, wie es ein Leserbrief im Vereinsmagazin Panorama formuliert, dann nimmt Henri das zur Kenntnis. Einen wahren Kern erkennt er an. Den Vorwurf der Parteinähe teilt er aber nicht. „Der DAV ist einfach nicht so politisch wie wir. Und dadurch, dass wir ein Jugendverband sind, ist es mehr in unserer Verantwortung, uns für die Jugend zu positionieren.“

Für die Jugend Partei zu ergreifen, ist für Max auch aus finanziellen Gründen logisch. Während politische Entscheidungen häufig an kurzen Wahlperioden ausgerichtet sind, nimmt die JDAV künftige Generationen und nachhaltige Entwicklungen stärker in den Blick. „Den Euro, den man jetzt in die Jugend reinsteckt, der kommt um ein Vielfaches wieder raus“, behauptet Max. „Den größten Hebel für wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolg hast du, wenn du in die Jugend investierst. Das ist halt leider nicht sofort messbar und das ist das Problem.“

Im Garten ist das Eichhörnchen noch da. Es springt von Ast zu Ast über das Holz des Kriechbaumhofs. Der Hof wirkt wie ein alpiner Rückzugsort, der sich in die Stadt verirrt hat. „Wir brauchen Optimismus und progressiven Mut, Sachen zu verändern“, sagt Max, als das Gespräch zu Ende geht. „Und das kann man am besten, wenn Leute noch jung und unvoreingenommen sind und Zeit und Energie haben. Deswegen die Jugendarbeit.“

Dreihundert Jahre hat dieses Haus überstanden. Heute beherbergt es eine Jugend, die in seinen Räumen immer wieder von vorn anfängt.