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Text: Dr. med. Jan-Niklas Rasim
Wer in größere Höhen aufsteigt, denkt zuerst an Herz, Lunge und Muskulatur – an Puls, Atemnot und Wadenkrampf. Das auch Hals, Nase oder Ohren empfindlich auf Höhe, Kälte, Trockenheit und Luftdruckänderungen reagieren, gerät dabei leicht aus dem Blick. Dabei sind HNO-Beschwerden am Berg alles andere als selten: Kopfschmerzen, Ohrendruck, Nasenbluten, Hörminderung und Schwindel gehören zu den häufigsten Gesundheitsproblemen, über die Bergsteigerinnen und Bergsteiger in der Höhe berichten. Der folgende Überblick beschreibt die wichtigsten Krankheitsbilder und gibt praktische Tipps für Tour und Hütte.
Für den HNO-Bereich sind am Berg vor allem drei Einflussgrößen relevant. Erstens der barometrische Druckabfall: Mit zunehmender Höhe sinkt der Luftdruck (Gas in starren, nur über enge Gängen belüfteten Hohlräumen wie Mittelohr und Nasennebenhöhlen dehnt sich aus). Zweitens die Kälte, die Schleimhäute reizt und die periphere Durchblutung – auch der Ohrmuschel und der Nasenspitze – drosselt. Drittens die extreme Trockenheit der Höhenluft, die durch die zugleich gesteigerte Atemfrequenz beim Aufstieg zusätzlich austrocknend auf die oberen Atemwege wirkt. Alle drei Faktoren verstärken sich gegenseitig und erklären, warum HNO-Beschwerden in der Höhe gehäuft auftreten.
Das Mittelohr ist über die Ohrtrompete (Tuba auditiva) mit dem Nasenrachenraum verbunden. Funktioniert dieser Druckausgleich nicht reibungslos – etwa bei Schnupfen, Allergien oder anatomisch engen Verhältnissen – kann es zu einem Barotrauma des Mittelohrs kommen: Druckgefühl, stechender Schmerz, Hörminderung, im schlimmsten Fall kann es zum Trommelfellriss kommen. Anders als beim Tauchen sind die Druckänderungen beim Bergsteigen meist langsamer, dennoch berichten Höhenbergsteiger regelmäßig über Ohrendruck, vor allem bei einem raschem Höhengewinn mittels Gondel oder Helikopter. Seltener, aber relevant, ist eine Beteiligung des Innenohrs: Vereinzelt werden in großer Höhe Tinnitus, Hörminderung oder ein hörsturzähnlicher Hörverlust beschrieben. Auch Schwindel ist in der Höhe kein Zufallsbefund – er kann Ausdruck einer beginnenden akuten Höhenkrankheit sein, aber auch vestibulär bedingt oder durch die veränderte Sauerstoffversorgung des Innenohrs mitbedingt sein. Anhaltender Drehschwindel, einseitige Hörminderung oder neu aufgetretener Tinnitus in der Höhe sollten daher ernst genommen werden.
Nasenbluten (Epistaxis) zählt zu den häufigsten HNO-Beschwerden im Hochgebirge. Ursächlich sind die trockene, kalte Luft, die die Nasenschleimhaut austrocknet und rissig werden lässt, sowie die dünnere, anfälligere Kapillarschicht, die bei Anstrengung und erhöhtem Blutdruck leichter einreißt. Auch die Nasennebenhöhlen sind als starre, luftgefüllte Hohlräume von Druckschwankungen betroffen: Ist ihre Belüftung – etwa durch eine Erkältung – behindert, kann während des Aufstiegs ein ziehender oder stechender Gesichtsschmerz auftreten, im Extremfall begleitet von Nasenbluten. Zusätzlich begünstigt die trockene Luft Krustenbildung und ein Gefühl der verstopften Nase.
Der sogenannte Höhenhusten oder "Khumbu-Husten" ist ein trockener, oft quälender Reizhusten bei mehrtägigen Aufenthalten in großer Höhe, verursacht durch massive Austrocknung und mechanische Reizung der Schleimhaut von Rachen und Kehlkopf durch die kalte, wasserdampfarme Atemluft bei gesteigerter Atemfrequenz. Auch Ohrmuschel und Nasenspitze sind wegen ihrer exponierten Lage bevorzugte Stellen für oberflächliche Erfrierungen; Wind beschleunigt den Wärmeverlust hier erheblich. Ein zunächst unbemerktes Taubheitsgefühl sollte daher konsequent zum Anlass genommen werden, die betroffenen Areale abzudecken oder aktiv zu erwärmen.
● Bei Erkältung oder akuter Nasennebenhöhlenentzündung Höhenaufstiege möglichst verschieben – die Gefahr eines schmerzhaften Barotraumas steigt deutlich. ● Aktiv Druckausgleich betreiben (Schlucken, Gähnen, sanftes Valsalva-Manöver), besonders bei Bahn- oder Helikoptertransport. ● Nasenschleimhaut pflegen: befeuchtende Nasensalbe/-spray, ausreichend trinken, Buff oder Tuch vor Mund und Nase zum Anwärmen der Atemluft. ● Bei Nasenbluten Kopf leicht nach vorne neigen, Nacken kühlen (z.B. Tüte mit Schnee), Nasenflügel 10–15 Minuten komprimieren; bei anhaltender Blutung ärztliche Hilfe suchen. ● Ohren, Nase und Wangen bei Wind und Kälte konsequent schützen, zusätzlich Sonnencreme gegen die verstärkte UV-Belastung in der Höhe. ● Anhaltenden Schwindel, einseitige Hörminderung oder neu aufgetretenen Tinnitus nicht bagatellisieren – im Zweifel gilt: kein weiterer Aufstieg, Abstieg erwägen.
HNO-Beschwerden sind am Berg häufig, meist harmlos und mit einfachen Maßnahmen gut zu vermeiden oder zu lindern. Wer die Mechanismen hinter Druckausgleich, Kälte und Austrocknung kennt, kann Ohren, Nase und Hals gezielt schützen und unbeschwerter unterwegs sein. Bei anhaltenden oder ungewöhnlichen Beschwerden lohnt sich, wie bei jedem Alarmsignal am Berg, der genaue Blick statt des Weitergehens.
Disclaimer: Dieser Artikel ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung – bei Vorerkrankungen vorab ärztlichen Rat einholen.
Dr. med. Jan-Niklas Rasim ist Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde; mit Diploma in Mountain MedicineWenn man ihn nicht in der HNO-Praxis Unterhaching antrifft, ist er am liebsten auf Skitour in den Alpen und weltweit unterwegs, sowie beim Klettern, bei Expeditionen, Hochtouren, oder auf diversen Alpenpässen mit dem Rennrad.