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Porträt Michael Vitzthum

Unser Sektionsmitglied Michael Vitzthum ist Bergsportler, Autor und einer der profiliertesten Verfechter der Öffi-Anreise in die Berge im Alpenraum. Seit vielen Jahren ist er konsequent ohne eigenes Auto unterwegs – und zeigt mit seinen Touren, Vorträgen und Netzplänen, wie gut sich Bergsport und öffentliche Verkehrsmittel verbinden lassen. Bekannt wurde er unter anderem durch seine detaillierten „Öffi-Netzpläne“ für Skitouren und Bergwanderungen, die neue Perspektiven auf klassische Ziele eröffnen. Vitzthum versteht Mobilität dabei nicht nur als logistisches Thema, sondern als Teil des Erlebnisses: Touren von A nach B, statt immer zum Ausgangspunkt zurück. Sein Ansatz: neugierig bleiben, Möglichkeiten nutzen – und den Weg in die Berge neu denken. Geprägt hat er auch die Hashtags #natürlichmitöffis und #bergsportisnomotorsport.



Porträt Dr. Bernd Rosenbusch

Dr. Bernd Rosenbusch ist seit dem 1. Oktober 2018 Geschäftsführer des Münchner Verkehrs- und Tarifverbunds (MVV). Der promovierte Diplom-Kaufmann bringt langjährige Erfahrung aus der Praxis mit: Stationen bei der Deutschen Bahn – unter anderem als Vertriebschef von DB Regio Bayern – sowie zuletzt als Marketingleiter der Geschäftsführung der Bayerischen Oberlandbahn (BOB) und der Bayerischen Regiobahn (BRB) prägen seinen Blick auf Mobilität. Beim MVV treibt Rosenbusch vor allem die Verbunderweiterung, Tarifreformen und digitale Mobilitätsangebote voran – mit dem Ziel, Bus und Bahn für mehr Menschen attraktiver zu machen. Privat ist er gern in den Bergen unterwegs, beim Wandern oder auf Skiern.


Was verbindet den MVV-Chef mit den Bergen, Herr Rosenbusch? Ich weiß, dass Sie Skifahrer sind.

Bernd Rosenbusch: Ich gehe im Sommer sehr gerne Wandern und Bergsteigen. Bei meinem Sohn muss ich noch ein bisschen daran arbeiten, die Tochter geht gerne mit. Klettern ist nicht so meins. Langlauf mache ich auch ganz gern, aber das ist aufgrund des Klimawandels weniger geworden.

Wir haben ja hier als Gesprächspartner Michael Vitzthum, der fast ausschließlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Berge anreist. Wie würden Sie Ihr eigenes Mobilitätsverhalten charakterisieren?

Rosenbusch: Bei Bergausflügen zu 50 Prozent öffentlich, zu 50 Prozent mit dem Auto. Wir wohnen in Feldafing, Richtung Starnberger See, und da fehlt am Schluss leider die Regionalbahn. Erst mit der S-Bahn und dann weiter – das ist oft mühsam. Da hat Herr Vitzthum mir etwas voraus. Wo wohnen Sie, wenn ich fragen darf?

Michael Vitzthum: Ich wohne zehn Minuten mit der Tram vom Hauptbahnhof entfernt.

Rosenbusch: Ja, das ist dann anders. Da sitzen Sie sozusagen direkt an der Quelle.

Was bräuchte es denn, Herr Rosenbusch, dass bei Ihnen aus 50 Prozent Öffi-Anreise in die Berge 70 Prozent würden?

Rosenbusch: Es ist wie bei jedem: Das Angebot muss da sein. In meinem Fall, wie schon gesagt, ein Regionalbahnanschluss. Leider haben wir in Deutschland das Thema Investitionen in den Schienenverkehr die letzten 20 Jahre völlig verpennt. Wenn Sie sich zum Beispiel die Strecke Murnau – Oberammergau anschauen: Das ist für viele nicht attraktiv. Und auch ein Stundentakt nach Garmisch-Partenkirchen ist nicht attraktiv genug.

Was wäre in Zukunft attraktiv?

Rosenbusch: Unser klares Ziel ist: Bis 2040 brauchen wir auf allen Linien mindestens einen 20-Minuten-Takt und mindestens 120 km/h Geschwindigkeit, damit das Angebot attraktiv wird. Das geht nur mit einem Ausbau der Strecken, teilweise zweigleisig. Nur so bekomme ich die Kapazität – und dann kann ich auch einen 20-Minuten-Takt, minimal 30-Minuten-Takt, anbieten.

Michael, erlebst du auch, dass bestimmte Bahnstrecken im MVV-Gebiet so etwas wie eine Achillesferse unserer Mobilität sind? Gerade für diejenigen, die damit in die Berge fahren wollen?

Vitzthum: Ich erlebe vor allem, dass viel mehr Leute öffentlich unterwegs sind, was sehr schön ist. Ich habe vor 15 Jahren mein Auto abgeschafft, inzwischen machen das viel mehr Leute als damals. Es ist wieder ein bisschen en vogue geworden, auch bei jungen Leuten. Natürlich kommt die Kapazität teilweise nicht hinterher, natürlich würde auch ich mir einen Halbstundentakt nach Garmisch wünschen und Zweigleisigkeit. Aber meine Haltung war schon immer: nicht erst abwarten, bis eines Tages alles vielleicht so toll ist wie in der Schweiz. Ich habe geschaut, was mit Öffis möglich ist – und festgestellt, dass unglaublich viel geht. Es ist auch eine Frage des Mindsets. Man muss sich öffnen, neugierig sein und Dinge ausprobieren – nicht immer nur die Probleme in den Vordergrund stellen.

 


Wanderin steht an Bushaltestelle. Ein Bus fährt gerade heran. Im Hintergrund eine Schneune und Berge.
↑ „Ich habe festgestellt, dass unglaublich viel geht“: mit Öffis unterwegs im Außerfern. Foto: Michael Vitzthum


Was zum Beispiel nicht geht, ist, zwischen Oktober und Juni öffentlich den Isarwinkel weiter zu befahren als bis Lenggries. Wer entscheidet eigentlich, wo und ab wann eine solche Linie fährt?

Rosenbusch: Für den Schienenverkehr wäre es die Bayerische Eisenbahngesellschaft. Bei den Bussen sind die Aufgabenträger zuständig, und das sind meist die Landkreise. Die Landkreise erstellen alle drei bis fünf Jahre einen Nahverkehrsplan. Das wird beschlossen und dann – je nach Haushaltslage – mehr oder weniger davon umgesetzt.

Vitzthum: Das heißt: Wir aus der Stadt können uns das wünschen – aber entschieden wird vor Ort. Das heißt doch, dass es eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Stadt und Land bräuchte.

Rosenbusch: Genau darum geht es: sich zu vernetzen mit den Playern vor Ort – Touristikern, Hüttenwirten, Hotels. Die haben alle ein Interesse daran, dass Gäste auch ohne Auto kommen, weil das die Region entlastet. Und die Einwohner wieder ihre Wege erledigen können. Jemand aus Eschenlohe hat mir mal gesagt, dass er zwischen Freitagnachmittag und Sonntag nicht mehr aus dem Haus geht, weil alles so voller Stau ist.

Bei der Vernetzung vor Ort setzt ja zum Beispiel das DAV-Projekt der Mitfahrbankerl an.

Rosenbusch: Die Mitfahrbankerl wollen wir als Points of Interest in die MVV-App integrieren, genauso wie die Hütten. Die Grundidee ist: Ich plane in der MVV-App eine komplette Route – inklusive letzter Meile bis zur Hütte. Dafür brauchen wir aber Daten von außen, und da ist noch nicht alles vollständig verfügbar. Da könnte die Zusammenarbeit mit dem Alpenverein durchaus noch ausgebaut werden.

Vitzthum: Viele Einheimische fahren kurze Strecken lieber mit dem Auto, obwohl es ein Öffi-Angebot gibt. Ich höre öfters auch das Argument: Fahrt ihr Städter ruhig alle mit Bahn und Bus, dann haben wir freie Parkplätze.

Rosenbusch: Ich glaube nicht, dass es ein Stadt-Land-Thema ist. Es ist eine Frage der Reisezeit – und zwar nicht der gesamten Reisezeit, sondern der Wegeanteile. Wenn ich von München oder Ingolstadt in die Berge fahre, bin ich bereit, zehn Minuten zum Bahnhof zu gehen. Wenn ich aber in Oberau wohne, zehn Minuten zum Bahnhof gehe und dann nur 20 Minuten Zug fahre, dann ist der Anteil zu groß. Je näher ich am Ziel bin, desto kürzer muss der Weg zum öffentlichen Verkehr sein. Das gilt auch fürs Pendeln. Und das kriegen wir im Moment nicht hin, dafür ist das Busangebot im ländlichen Raum oft noch zu schwach.

Vitzthum: Der Bus hat bei uns immer noch den Ruf vom Schulbus, als man froh war, wenn man endlich den Führerschein hatte. Dabei haben die guten Busse heute oft WLAN, Steckdosen, die sind nicht mehr wie früher. Trotzdem war ich in den letzten 15 Jahren manchmal der einzige Fahrgast. Das kann eigentlich nicht sein. Für uns Bergsteiger sind die Busse entscheidend. Über ein gutes Angebot, etwa Verstärkerbusse an stark frequentierten Tagen am Spitzingsee, freuen sich die Leute richtig, weil sie dann nicht auf den nächsten warten müssen und Gruppen auch nicht zerrissen werden.

Rosenbusch: Zum Thema Bus noch eine Beobachtung: In Südtirol fährt auf einmal jeder Deutsche Bus, der sonst nicht Bus fährt. Es scheint, als hätte man, sobald man die Grenze überschreitet, ein anderes Mindset. Ich glaube, daran muss man arbeiten.



Wie würde der MVV-Chef einen normalen Bergsteiger überzeugen, öfter mit dem MVV in die Berge zu fahren?

Rosenbusch: Mein wichtigstes Argument wäre: Man sollte es einfach mal ausprobieren. Ich glaube, auf vielen Strecken sind wir zeitlich und preislich attraktiv. Mit dem Auto nach Garmisch zu fahren, ist am Wochenende einfach keine sinnvolle Option. Gerade im Regionalverkehr ist die Zuverlässigkeit besser als oft behauptet. Und es hat auch Vorteile: Man sitzt zusammen, kann sich unterhalten, vielleicht auf dem Rückweg ein Bier trinken. Dieses Erlebnis überzeugt. Ein zentraler Punkt ist dabei die Information. Und die ist heute in den Apps und auf den Websites sehr gut verfügbar.

Michael, wenn du eine Kampagne entwerfen würdest, die Lust darauf macht, Öffis in die Berge zu nutzen – worauf würde sie abzielen?

Vitzthum: Diese klassischen Argumente – Geld, Zeit – sind ja schon rauf und runter diskutiert. Ich würde eher auf die emotionale Ebene gehen. Es ist ein anderes Unterwegssein, das die allermeisten sehr schön finden, wenn sie sich einmal darauf eingelassen haben: zu Hause mit dem Rucksack losgehen, in den Zug einsteigen, irgendwo aussteigen und woanders wieder einsteigen. Aber, wie Herr Rosenbusch sagt: Die Leute müssen es erst einmal erleben. Man muss sie mitnehmen und zeigen: Es funktioniert. Vieles ist Psychologie. Viele haben unterschwellige Ängste – komme ich zurück, klappt das alles? Das ist eigentlich absurd: Erfahrene Bergsteiger, die Risiken eingehen, haben plötzlich Angst, die Kontrolle zu verlieren, weil jemand anderes sie fährt. Vom Auto wegzukommen und sich wieder auf eine andere Art des Unterwegsseins einzulassen, fällt vielen erst mal schwer.

Vielleicht auch, weil viele meinen, dass sie mit dem Auto flexibler sind?

Vitzthum: Wir leben gerade in einer Welt, in der alles am besten gleichzeitig passieren soll. Morgens Rennrad, dann Bergtour, abends mit dem SUP noch an den See. Und dafür wird alles ins Auto geladen. Es gibt auch die andere Richtung – eher puristisch, so wie ich es gerne mache. Man nimmt sich für den Tag genau eine Tour, eine Aktivität vor. Man nimmt nur das mit, was man braucht und selbst tragen kann. Man wird hingebracht und auch wieder abgeholt – und konzentriert sich auf dieses eine Erlebnis. So kommt man auch aus dieser FOMO-Dynamik raus. Es hilft, wenn man dafür ein bisschen neugieriger und abenteuerlustiger ist und nicht alles im Voraus durchplant.

Würde sich der MVV auf eine solche Kampagne einlassen: Einfach etwas mehr Abenteuerlust, auch für die Anreise?

Rosenbusch: Ich finde nicht, dass die Anreise mit uns ein Abenteuer ist. Wir haben einen Fahrplan, wir können minutengenau sagen, wann ein Zug ankommt – meistens stimmt das auch. Und wenn etwas nicht klappt, wird man in der App sofort umgeroutet. Wenn etwas durchstrukturiert ist, dann der öffentliche Nahverkehr.



Apropos Struktur: Was gibt eigentlich die Schweiz pro Bürger für den ÖPNV aus im Vergleich zu Deutschland oder Bayern?

Rosenbusch: Deutschland liegt inzwischen bei etwa 190 Euro pro Einwohner für Investitionen in die Schiene. Die Schweiz liegt bei etwa 390 bis 400 Euro, Österreich bei rund 380 Euro. Das Argument, dass diese Länder mehr investieren, weil sie Berge haben, greift nicht. Auch bei uns muss man Infrastruktur bauen – ob durch einen Hügel oder durch die Alpen. Im Grunde geben wir einfach zu wenig Geld aus.

Wie viel bräuchte es denn?

Rosenbusch: Wir haben einmal ausgerechnet, dass wir im Großraum München etwa zwei Milliarden Euro pro Jahr bräuchten, um die bestehende Infrastruktur auf ein wirklich attraktives Niveau zu bringen. Bis 2040 wären das rund 40 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Der Bund stellt für ganz Deutschland über das Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz etwa zwei Milliarden Euro pro Jahr bereit.

Ist die Kostendeckung für den MVV durch das Deutschlandticket schlechter geworden?

Rosenbusch: Ja, leider. Wir bekommen jetzt zwar Geld vom Bund und vom Land, aber das sind eben Zuschüsse und keine klassischen Fahrgeldeinnahmen.

Vitzthum: Für Bergsteiger ist das Deutschlandticket natürlich super. Jeder hat sein Ticket, wir verabreden uns, steigen an verschiedenen Stationen zu – ohne Abstimmung für ein Gruppenticket. Ich kenne viele, die deswegen öfter mit Öffis unterwegs sind. Früher wusste ich noch genau, wie die Tarife funktionieren, mit dem Abo muss man das nicht mehr im Kopf haben. Es gibt aber immer noch absurde Dinge: Wenn ich nach Scharnitz will, fahre ich mit dem MVV-Ticket bis Mittenwald, und für die sechs Minuten nach Scharnitz – der Zug fährt durch – brauche ich ein extra Ticket für über sieben Euro. Das kann doch nicht sein. Salzburg, Kufstein sind kein Problem mit dem Deutschlandticket, aber Scharnitz geht nicht.

Rosenbusch: Es ist tatsächlich absurd, wie es aktuell ist. Wir waren im Januar beim Verkehrsverbund Tirol in Innsbruck und haben genau das diskutiert: Mittenwald–Scharnitz. Ziel ist, bis zum Sommer eine Lösung zu finden. 2027 kommen ja noch Füssen, Pfronten und Kaufbeuren zum MVV-Gebiet dazu. Die Züge dorthin fahren ebenfalls durch Österreich. Auch hier wollen wir erreichen, dass nicht nur das Deutschlandticket gilt, sondern auch MVV-Tickets anerkannt werden. 

Noch ein Problemthema: Fahrradmitnahme im Zug. Die scheitert, gerade am Wochenende, oft schon an der Kapazität. Was kann man da verbessern?

Rosenbusch: Das Thema Fahrrad im ÖPNV ist schwierig und funktioniert eigentlich nur, wenn Rücksicht genommen wird – und wenn nicht gerade alle gleichzeitig unterwegs sind. Bei gutem Wetter – oder wenn ein Gewitter kommt und alle abbrechen – sind so viele unterwegs, dass man immer an Kapazitätsgrenzen stoßen wird. Aber es ist insgesamt besser geworden. Die Fahrzeuge haben große Fahrradbereiche.

Vitzthum: In Tirol sieht man oft Busse mit Fahrradträgern, fünf Fahrräder passen drauf. Auch in Vorarlberg und Südtirol. Bei uns spielt das Thema, gerade im Busverkehr, kaum eine Rolle.

Rosenbusch: Zwischen Tutzing und Andechs gibt es solche Fahrradträger. Das Problem ist: Das Be- und Abladen der Räder dauert ewig, und das für fünf Fahrgäste mit Fahrrad. Gleichzeitig sitzen vielleicht 40 Bergsteiger im Bus und fragen sich, warum sie jetzt so lange stehen. Das Fahrrad bringt eine zusätzliche Komplexität in den ÖPNV. Bei der Bahn ist das schon besser gelöst. Aber auch beim Zug sollte man nicht vergessen: Ein Fahrrad nimmt den Platz von vier Menschen weg.

Vitzthum: In Vorarlberg hat man in neuen Regionalzügen einfach Sitzplätze entfernt und große Fahrradbereiche geschaffen – mit klarer Führung beim Ein- und Ausstieg. Man kommt sich weniger in die Quere.

 


Mountainbike lehnt am Bahngleis. Ein Zug fährt gerade ein/ab. Die tiefstehende Sonne spiegelt sich in dessen Fenstern.
↑ Oft ein Knackpunkt bei der öffentlichen Anreise: die Fahrradmitnahme in Bus und Bahn. Foto: Michael Vitzthum


Warum geht das dort – und bei uns nicht?

Rosenbusch: Das kann ich genau sagen. Der MVV ist ein Ballungsraum mit viereinhalb Millionen Einwohnern. Vorarlberg hat etwa 200.000. Bei uns wollen die Menschen von Montag bis Freitag zur Arbeit fahren – und zwar sitzend. Wenn wir Sitzplätze zugunsten von Fahrrädern reduzieren, haben wir sofort massive Beschwerden. Es gab Überlegungen, Sitzbänke klappbar zu machen. Das ist aber aus Sicherheitsgründen schwierig. Unser Hauptziel ist: unter der Woche möglichst viele Menschen von der Straße in die Bahn zu bringen. Am Wochenende geht es darum, möglichst viele Bergsteiger und Ausflügler zu transportieren. Der Fahrradfahrer ist danach die nächste Stufe. Wenn wir uns zu stark auf Fahrräder konzentrieren, vernachlässigen wir andere, größere Nutzergruppen.

Und wenn man das Thema vom anderen Ende denkt – Stichwort Leihräder?

Rosenbusch: Wir setzen definitiv auf Bikesharing. Wir haben das System jetzt verbundweit neu ausgeschrieben, und touristische Regionen steigen auch mit ein. Lenggries hat zum Beispiel beschlossen, ebenfalls Fahrräder anzuschaffen. Die Idee ist: Ich buche über die MVV-App die Fahrt und das Fahrrad in einem Schritt. Dann kann ich vor Ort ein Rad mieten und zum Ausgangspunkt meiner Bergtour fahren. Wo genau die Bike-Stationen stehen, entscheiden die Gemeinden. Wir starten jetzt in München und in den Landkreisen München und Fürstenfeldbruck. Dann wird das System schrittweise ausgerollt. Insgesamt reden wir von 5000 bis 6000 Fahrrädern.

Vitzthum: Das sind normale Stadträder?

Rosenbusch: Ja. Damit kommt man nicht den Berg hinauf, aber zum Berg hin. Dann stellt man das Rad ab, geht die Tour – und kommt zurück. Oder ein anderer nutzt es weiter. Viele Kommunen haben aber auch E-Bikes bestellt.

Gibt es für den neuen Alpenbus schon eine Zwischenbilanz?

Rosenbusch: Der Alpenbus, der zwischen Murnau, Bad Tölz und Rosenheim fährt, wird wirklich gut angenommen. Obwohl er erst seit Jahresbeginn fährt, haben wir eine sehr gute Auslastung. Am Wochenende teilweise sogar höher als unter der Woche – obwohl er eigentlich eher für Pendler gedacht war. Das zeigt: Wenn ein neues Angebot attraktiv ist und man nicht oft umsteigen muss, wird es genutzt. Dann gibt es noch den Bergbus mit den beiden Linien nach Pfronten und Maria Alm. Auch die werden gut angenommen. Das Problem ist immer das Wetter: Wenn es regnet, sind sie deutlich leerer. Wenn die Sonne scheint, liegen wir bei 90 bis 100 Prozent Auslastung.



Sind das Modelle für einen weiteren Ausbau des Busangebots?

Rosenbusch: Ich befürchte nein. Der Bergbus ist ziemlich teuer. Die Landeshauptstadt, der Freistaat und die Landkreise zahlen schon jetzt viel dazu. Wir hatten Ideen für weitere Linien, zum Beispiel ab Garmisch-Partenkirchen. Aber die Landkreise waren nicht bereit oder in der Lage, zusätzliche Mittel bereitzustellen. Deswegen kommen diese Verbindungen nicht.

Vitzthum: Gibt es eine Zukunft für die Busverbindung Tegernsee – Achenkirch? Ich musste die Linie in meinem Winternetzplan leider rausnehmen. Das war das erste Mal, dass ich eine streichen musste.

Rosenbusch: Ja, da kommt etwas. Ab 2027 wird der Schnellbus X390 im Stundentakt zwischen Tegernsee und Jenbach in Tirol fahren, und zwar sieben Tage die Woche.

Der MVV ist ja im Vorfeld der Olympischen Spiele 1972 entstanden – ein Beispiel dafür, wie solche Ereignisse einen Investitionsschub auslösen können. Würden Sie sich so etwas heute wieder erhoffen – mit Blick auf mögliche Spiele in München?

Rosenbusch: Klar. Wenn ein fixes Datum für so ein Großereignis steht und der Bund Mittel zusagt, entsteht enormer Druck, Dinge umzusetzen. Mir persönlich wären Winterspiele lieber, weil sie stärker in die Region ausstrahlen – etwa Richtung Garmisch. Für München wäre das insgesamt ein großer Impuls: U-Bahn- und Tramverlängerungen, neue Infrastrukturprojekte – da gibt es bereits Konzepte.

Vitzthum: Ich glaube auch, dass Olympia einen großen Schub geben würde. Gleichzeitig ist es schon bemerkenswert, dass wir offenbar solche Großereignisse brauchen, um notwendige Dinge voranzubringen, statt sie aus eigener Initiative umzusetzen. Entscheidend wäre, dass das Geld im Fall des Falles in die richtigen Verkehrsmittel fließt – also nicht nur in Straßen, sondern bevorzugt in den öffentlichen Verkehr.

Gerade rund um Garmisch-Partenkirchen fließen derzeit Millionensummen in den Bau von Straßentunneln. Ihre Meinung dazu?

Vitzthum: Für mich ist das, was um Garmisch herum gebaut wurde und wird, ein Paradebeispiel für fehlgeleitete Verkehrspolitik. Man setzt einseitig auf die Straße. In anderen Ländern würde man Schiene mit Schiene verknüpfen. Hier aber ist der Abstand zwischen dem Bahnhof Garmisch-Partenkirchen und dem neuen Endpunkt der Zugspitzbahn sogar vergrößert worden, zugunsten großzügiger Parkplatzflächen. Wer mit der Bahn anreist und umsteigen möchte, muss nun noch weiter über eine Brache laufen – vollkommen absurd.

Rosenbusch: Ich glaube, dass Garmisch-Partenkirchen langfristig ein noch größeres Verkehrsproblem bekommt. Es gibt Studien: Menschen investieren im Freizeitverkehr etwa ein bis anderthalb Stunden Fahrzeit. Wenn die Anfahrt durch die Tunnel laut Navi schneller wird, wächst das Einzugsgebiet – dann kommen die Leute nicht nur aus München, sondern auch aus Ingolstadt. Und das Parkplatzproblem bleibt oder wird größer. Wenn ich so viel Geld in Tunnel investiere, müsste ich parallel eigentlich auch die Eisenbahn ausbauen. Die Strecke nach Garmisch war früher schon mal zweigleisig. Warum baut man sie nicht wieder auf weiten Strecken zweigleisig aus und fährt einen Halb- oder Viertelstundentakt? Man hat massiv in Straßen investiert – und die Schiene vergessen. Das finde ich, ist das eigentliche Problem.