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Berge und Frauen: Das gehört mittlerweile auch bei der Ausrüstung zusammen. Doch was genau bedeutet „angepasst an die weibliche Anatomie“ und für welchen Frauenkörper sind diese Produkte gemacht?
Text: Hanna Bär, Titelbild: Foto: Archiv des DAV, München (links), Raphaela Haug (rechts)
Im vergangenen Jahr waren 44,4 Prozent der Mitglieder im Deutschen Alpenverein Frauen. Vor 20 Jahren lag ihr Anteil bei 38,7 Prozent. Dass Frauen Bergsport betreiben, ist nicht neu. Ein Blick in die Geschichte zeigt jedoch: Leicht gemacht wurde es ihnen nicht immer – auch nicht in puncto Bekleidung.
1838 erreichte Henriette d’Angeville als erste Frau aus eigener Kraft den Gipfel des Montblanc – in einem Rockkostüm, darunter Hosen. Gut dreißig Jahre später legte Lucy Walker ihren Rock außer Sichtweite ab und bestieg 1871 als erste Frau das Matterhorn, nur in Hosen gekleidet. 1895 startete Annie Smith Peck direkt in Kniebundhosen und stand als zweite Frau auf dem Matterhorn. Diskutiert wurde anschließend in den Zeitungen weniger ihre Leistung als vielmehr die Frage, ob sie sich durch das Tragen von Hosen in der Öffentlichkeit strafbar gemacht habe.
Die Tage der strengen Kleidervorschriften sind längst vorbei. Doch wie bei so mancher Alpenvereinssektion – die letzten nahmen Frauen erst im Laufe der 90er-Jahre als vollwertige Mitglieder auf – sollte es in in Sachen Bergsportausrüstung mit der Geschlechtergerechtigkeit ähnlich lange dauern. Mitte der 90er Jahre gab es erste Regenjacken zu kaufen, die sich speziell an Frauen richteten. Zuvor beschränkte sich Anpassungsoption meist auf eine Kordel, mit der man die Taille von Unisexjacken enger schnürte.
Nach den Anpassungen bei der Bekleidung folgten solche bei Schlaf- und Rucksäcken. Oft waren die Damenprodukte jedoch einfach kleinere Versionen der Männermodelle in vermeintlich weiblichen Farben – ganz nach dem Motto „Pink it and shrink it“. Wirklich anatomische Anpassungen folgten erst später.
Das weibliche Körpermodell
Körper können sehr unterschiedlich sein. Ein Modell kann daher nur einen Durchschnitt abbilden. Im Vergleich zum männlichen Durchschnitt haben Frauen typischerweise
Hinzu kommen häufig eine höhere Komforttemperatur, ein geringerer Muskelmassenanteil sowie eine andere Massenverteilung mit tieferem Körperschwerpunkt. Ausrüstung, die primär für Männer konzipiert wurde, passt daher nicht immer optimal.
Bekleidung: Feinheiten im Schnitt
Bei Bekleidung zeigt sich die Anpassung heute vor allem im Schnitt. Hosentaschen sind oft kleiner und wegen breiterer Hüften anders positioniert. Bei Jacken – besonders fürs Bergsteigen und Klettern – sitzen Brusttaschen häufig so, dass sie auch bei größerer Oberweite noch nutzbar sind.
Im Höhenbergsteigen ist die Luft in puncto Parität weiterhin dünn: Der Frauenanteil bei 8000er-Expeditionen liegt bei rund 20 Prozent. Trotz zunehmender (geschlechtsübergreifender) Beliebtheit wird diese Sportart insgesamt nur von wenigen Menschen betrieben.
Der Absatzmarkt für die hochtechnischen und in der Entwicklung teuren Produkte ist nach wie vor klein. Eine zusätzliche geschlechtsspezifische Entwicklung dieser Produkte lohnt sich wirtschaftlich kaum. Viele Produkte waren und sind daher unisex.
Erst im Jahr 2023 brachte der Hersteller The North Face den ersten speziell für Frauen angepassten Anzug fürs Höhenbergsteigen auf den Markt. Erwähnenswert ist auch die 2019 gegründete Südtiroler Marke LaMunt, die sich ausschließlich auf Berg- und Outdoorbekleidung für Frauen spezialisiert hat.
Schlafsäcke: Eine Frage der Komforttemperatur
Bei Schlafsäcken sind geschlechtsspezifische Unterschiede deutlicher als bei Bekleidung. Neben kürzeren Längen sind Damenmodelle mancher Hersteller an der Hüfte breiter und an den Schultern schmäler geschnitten. Deuter isoliert seine Kunstfasermodelle für Frauen zusätzlich an Füßen und Rumpf, da diese Bereiche bei Frauen oft kälteempfindlicher sind. Insgesamt sind Damenmodelle häufig stärker isoliert und besitzen so eine niedrigere Komforttemperatur.
Wichtig: Die Temperaturangaben bei Schlafsäcken für Sport und Trekking sind nach DIN EN ISO 23537-1 standardisiert. Dadurch sind Modelle hinsichtlich der Temperatur geschlechterübergreifend vergleichbar. Zwei der angegebenen Temperaturen, die Komfort- sowie die Extremtemperatur, werden mit einer weiblichen Textpuppe (25 Jahre, 60 kg, 1,60 m) ermittelt, die Limittemperatur hingegen mit einem männlichen Dummy (25 Jahre, 70 kg, 1,73 m).
Bei Schlafsäcken kann es für kleine Männer und größere Frauen durchaus Sinn machen, auch ein Modell des anderen Geschlechts zu probieren.
↑ Beim Kauf eines Schlafsacks sollten beide Geschlechter einen Puffer einplanen und die Komforttemperatur ein paar Grad über der erwarteten Temperatur wählen.
↑ Manche Hersteller verdeutlichen die unterschiedlichen Referenzdummys bei den Temperaturangaben mit einem entsprechenden Symbol. Foto: Deuter
Rucksäcke: Schultern, Rückenlänge und Hüften
Auch bei Rucksäcken sollte man Geschlechtergrenzen nicht zu starr sehen. Insbesondere für Männer mit kurzem Rücken und breiteren Hüften oder Frauen mit langem Rücken und schmaleren Hüften kann der Griff zum anderen Modell mitunter sinnvoll sein.
Besonders ab dem Jahr 2006 etablierten sich Damenrucksäcke stärker im Handel. Deuter forcierte damals mit einem reinen Frauenteam, darunter Gerlinde Kaltenbrunner, seine Entwicklung von Rucksackmodellen speziell für Frauen. Heute löst dies jeder Hersteller unterschiedlich: Blue Ice und Black Diamond setzen auf verschiedene Rückenlängen statt Damenlinien. Andere, wie Ortovox, Mammut oder Deuter, passen neben der Rückenlänge zusätzlich Tragesystem und Hüftgurt an. Aufgrund der kürzeren Rückenlänge haben diese Modelle je nach Hersteller manchmal auch bis zu 2 Liter weniger Packvolumen; an der sonstigen Ausstattung ändert sich in der Regel nichts.
Typische Anpassungen im Tragesystem sind: enger zusammenstehende, schmalere und stärker geschwungene Schulterträger sowie Hüftflossen, die sich nach oben verjüngen und besser auf der konischen Form zwischen Taille und Hüfte aufliegen.
↑ Das Damenmodell ist für schmalere Schultern, einen kürzeren Rücken und eine kegelförmige Hüfte geeignet. Die geschwungenen Träger bieten im Brustbereich mehr Platz. Das Männermodell sitzt besser bei breiteren Schultern, einem längeren Rücken und einer zylindrischen Hüfte.
Kletterequipment: Hüftverhältnis und Platz für Haare
Auch bei Klettergurten sind inzwischen eine Vielzahl an Damenmodellen erhältlich. Diese sind im Vergleich zu Männer-/Unisexmodellen stärker geschwungen, die Beinschlaufen sind weiter und der Abstand zwischen Hüftgurt und Beinschlaufen kann größer sein. Entscheidend bleibt jedoch immer die individuelle Passform: Ein Klettergurt muss sicher oberhalb der Hüfte sitzen. Je nach Hüftform kann auch ein Gurt des anderen Geschlechts passen.
Übrigens: Die ersten Prototypen des heutigen Sitzklettergurts werden der niederländischen Kletterpionierin Jeanne Immink Ende des 19. Jahrhunderts zugeschrieben.
Auch bei Helmen gibt es Detailunterschiede. Eine Aussparung am Kopfband kann den Sitz bei langen Haaren und einem Pferdeschwanz verbessern. Petzl bot dies zunächst nur beim Damenmodell Meteora an; inzwischen verfügt auch der Meteor über ein angepasstes Kopfband. Ein eher seltener Technologietransfer vom Damen- zum Herrenmodell.
Berg- und Wanderschuhe: Auf die Leistenform kommt es an
Abgesehen von der Schuhgröße sind die Unterschiede zwischen Frauen- und Männerschuhen oftmals gar nicht ganz exakt zu benennen. Sie liegen vor allem in der von den Herstellern streng gehüteten Leistenform. Grundsätzlich ist bekannt: Frauenfüße sind schmäler, insbesondere an der Achillesferse und am Fersenbein. Sie sind weniger voluminös, haben aber ein höheres Fußgewölbe und der Abstand von der Ferse bis zum Ballen ist kürzer. Bei hohen Bergstiefeln für Frauen ist der Schaft tiefer ausgeschnitten und häufig stärker gepolstert, damit dieser nicht am tieferen Wadenansatz drückt.
Abgesehen von der unterschiedlichen Leistenform unterscheiden sich Bergschuhe für Frauen und Männer in der Regel kaum. Im Höhenbergsteigen sind Schuhe wie bei der Bekleidung oftmals Unisexprodukte.
Hervorzuheben ist der Hersteller Tecnica. In seinem Women2Women-Programm hat er, unterstützt durch biomechanische und kinematische Messungen, zunächst den reinen Damenwanderschuh Agate entwickelt. Dieser hat beispielsweise für ein leichteres Abrollen an einigen Stellen weniger Sohlenmaterial. Erst später wurde dies auf ein Modell für Männer adaptiert.
↑ Zwischen den Stollen ist beim Damenschuh Agate etwas weniger Material an der Sohle – für ein leichteres, kraftsparenderes Abrollen. Foto: Tecnica
Skischuhe & Ski: Flex und Gewicht
Ähnlich verhält es sich im Winter mit Skischuhen. Auch hier werden die geschlechtsspezifischen Fußformen im Leisten berücksichtigt, zudem haben Damenskischuhe am Schaft Aussparungen für die Wade.
Damenskischuhe sind im Alpinbereich oftmals etwas dicker gefüttert. Häufig fällt auch der Flex etwas geringer aus – der Schuh lässt sich also mit weniger Kraftaufwand nach vorne bewegen.
Ski gibt es in den Damenvarianten in kürzeren Längen und sie können je nach Modell auch leichter sein. Bei Blizzard kommt beispielsweise etwas weniger Hartholz im Skikern zum Einsatz, und die Verstärkungen durch Titanal sind schmäler und teilweise dünner dimensioniert. Manchmal liegt zudem die empfohlene Bindungsposition minimal weiter vorne. Dies ermöglicht ein leichteres Drehen des Skis bei weniger Kraftaufwand. Für größere, schwerere muskulöse Frauen mit viel Fahrkönnen kann ein Männer- oder Unisexski in der entsprechenden Länge besser passen.
↑ Immer öfter setzen auch die Entwicklerteams auf rein weibliche Expertise, wie beimWomen2Women-Programm von Blizzard Tecnica. Foto: Blizzard Tecnica
Farbgestaltung und Rückkehr des Rockes
In den letzten Jahren lässt sich generell eine Aufweichung der vermeintlich geschlechtsspezifischen Farbgestaltung bei Bekleidung und Ausrüstung erkennen. Frauenprodukte sind eben nicht mehr nur pink, dafür findet man die Farbe zunehmend auch bei Männer- und Unisexprodukten. Im Schuhbereich haben Damen- und Herrenmodelle zunehmend die gleichen Farben, je technischer die Schuhe werden. Hier spielt vor allem der Kostenfaktor eine Rolle. Es ist günstiger, das Leder in nur einer Farbe, aber in größeren Mengen zu kaufen.
Und der Rock? Er ist im Bergsport doch nicht ganz verschwunden. Gefütterte Modelle dienen bei Skitouren über der Hose als zusätzliche Isolationsschicht für Oberschenkel, Gesäß und Hüfte. Im Sommer gibt es leichte Funktionsröcke zum Wandern. Heute wird er dann jedoch nicht mehr aus gesellschaftlichem Zwang getragen, sondern aus Komfort- und Geschmacksgründen.
Damenmodelle können sinnvoll sein bei
Ob beim Trailrunning, auf Hochtour oder bei der entspannten Wanderung: Hanna Bär weiß gut sitzende Ausrüstung zu schätzen und begrüßt jede Entwicklung, die Frauen dabei unterstützt, selbstbewusst und leistungsstark in den Bergen unterwegs zu sein.
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