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Ein Hochsommer im Verwall: Dazu gehören Eisbaden und Firngleiten genauso wie Blumenpracht und Steinbockbegegnungen – und eine Hütte, die sich dem Online-Reservierungstrend erfolgreich widersetzt.
Text: Michael Reimer
→Im Herzen des Verwalls: der Kartellsee samt Saumspitze, im Hintergrund die mächtige KuchenspitzeFoto: mauritius images / Timm Humpfer
Die Vorfreude auf fünf Tage Hüttenwandern ist groß. Jahr für Jahr geht unser eingespieltes Wanderquintett auf Tour, und nun ist endlich die Verwallgruppe fällig. Wie oft hatten wir dieses faszinierende Gebirge, beispielsweise aus dem Blickwinkel der Lechtaler Alpen, schon im Visier.
Der Gebirgsname stammt vom romanischen Wort „Val Bel“ (schönes Tal) ab, die raue Schönheit aus wilden Felsgipfeln, mit Schnee gefüllten Karmulden und malerischen Bergseen macht den Reiz dieser einzigartigen Landschaft aus. Mal verliert sich der Ausblick in der Ferne, mal ist er mit dramatischen Nahkulissen gespickt. Dazu der hochalpine Charakter bei den Jochüberschreitungen und auf vielen Gipfeln, der sich bei Einzug von dunklen Regenwolken noch verstärkt.
Somit trennt sich beim Wandervölkchen die Spreu vom Weizen, weil Warmduscher andere Ziele bevorzugen. „Da die Höhenwege alle recht anspruchsvoll sind, habe ich fast nur bergbegeisterte und naturverbundene Gäste“, wird uns Hüttenwirt Andi später auf der Darmstädter Hütte erzählen. Wir werden auf fünf abwechslungsreichen Etappen vier von acht bewirtschafteten Berghütten der Region ansteuern, allesamt im Tiroler Landesteil des Gebirges. Und am letzten Tag soll zur Krönung die Besteigung des Hohen Rifflers erfolgen.
Schade nur, dass der Wetterbericht für die ersten Tage nichts Gutes verheißt. Schwere Gewitter sind am Aufstiegstag zur Konstanzer Hütte angesagt. Ob die besorgniserregende Vorhersage stimmt? Wie oft haben sich Unwetterwarnungen als Luftblase erwiesen. Viele Hüttenwirte klagen darüber, dass durch Horrorprognosen Gäste fernbleiben. Und dieses Mal?
→Das Verwall gilt aus außerordentlich niederschlagsreich. Das kann Schneeim Hochsommer bedeuten.Foto: Michael Reimer
Kurz vor Erreichen der Hütte nähert sich beidseitig des mächtigen Patteriols eine dunkle Front. Staubfontänen wirbeln im böigen Wind auf, entfernte Blitze zucken, ein kurzer Platzregen setzt ein. Eine halbe Stunde später – wir sitzen bereits trocken in der Hütte – spannt sich ein Regenbogen über den mystischen Glockwald. „Ich halte mich an den Schweizer Wetterbericht, der trifft für unsere Region eher zu“, erzählt Hüttenwirt Sandro mit einem breiten Grinsen.
Spontanvergabe statt Online-Reservierung
Am Folgetag hüllen sich die Berge in Wolken. Wir verzichten auf die Besteigung des Scheiblers, weil Nebelschwaden und Nieselregen am Kuchenjöchli unseren Gipfeldrang hemmen. Unter uns breitet sich ein weitläufiger Fleckerlteppich aus Schnee und Eis aus. Welch stiller Zauber: Offenbar hat sich das zentrale Verwallgebirge noch nicht aus den Fesseln des Winters befreit. Hallo, es ist Ende Juli – und man fühlt sich wie in Patagonien!
Kälterückfälle sind in der Wetterstaulage Verwall keine Seltenheit, oft schneit es in der Alpinzone bis in den Juni hinein. Kein Wunder also, dass sich der Apothekerweg unterhalb der felsigen Drahtseilpassage im Altschnee verliert. Mit Abflachen des Geländes steht dann endlich einer perfekten Firngleit-Abfahrt auf Schuhsohlen nichts mehr im Wege. Doch der Gedanke an ein Sommerbad im See rückt so weit in die Ferne wie das Ergattern eines bequemen Betts auf der Darmstädter Hütte.
Wie cool ist das denn, dass es im Zeitalter des Internets tatsächlich noch eine Berghütte ohne Online-Hütten-Reservierungssystem gibt! Hüttenwirt Andi von der Darmstädter Hütte hat keinen Bock, im Vorfeld mit der Betten- und Lagervergabe Zeit zu verschwenden.
→Die Darmstäder Hütte ist eine Art „gallisches Dorf“ in Sachen Reservierungssystem.Foto: Michael Reimer
Und, Stichwort „Horrorprognose“: Es kommt eh immer anders, als man denkt! Dafür verspricht er allen Ankömmlingen einen Platz, auch bei Überfüllung der Hütte, und sei es in der „Holzklasse“ auf oder unter den Tischen in der Gaststube.
Wir schaffen es immerhin ins Notlager mit seinen dreistöckigen Feldbetten, deren penetrantes Knarzen bei der kleinsten Bewegung jedes Schnarchkonzert übertönt. „Die Frauen unten, die Männer oben!“, lautet Andis strikte Anweisung, als ob die Statik des wackligen Konstrukts damit stabilisiert werden könnte. Zwei Frauen fliehen prompt mit ihren Schlafsäcken auf den Teppich neben der Eingangstür.
Würde sich Andi strikt ans Reservierungssystem halten, müsste er vorab zahlreiche Wanderer mit Absagen enttäuschen. Denn es gibt zwar mehrere Varianten für die Durchquerung des Verwalls, aber an der zentral gelegenen Darmstädter Hütte führt kein Weg vorbei. Und so ist jeder Ankömmling dankbar, ein Dach über dem Kopf zu haben.
Ende Juli beim Eisbaden
Am Folgetag wartet die Königsetappe der Verwalldurchquerung. Von der Darmstädter Hütte auf dem Hoppe-Seyler-Weg über das hochalpine Schneidjöchli, die Kieler Wetterhütte (ein Notlager mit vier Schlafplätzen) und die Fatlarscharte zur Niederelbehütte. Doch ohne Steigeisen sei diese Route derzeit zu gefährlich, warnt uns der Hüttenwirt. Außerdem drohe Steinschlag und ab Mittag seien wieder Gewitter möglich.
→Wabernde Wolken, rauschende Wasser: ein typischer Tag im VerwallFoto: Michael Reimer
Gut, dass der Sepp-Jöchler-Weg eine landschaftlich reizvolle Variante über das 2740 Meter hohe Seßladjoch bietet, wofür man zunächst zum smaragdgrünen Kartellspeicher in das Moostal absteigen muss. An der Niederelbehütte reißen die Wolken auf, manch dunkle Felswand erscheint in gespenstischem Licht. Der Besteigung des Kappler Kopfs steht am Nachmittag somit nichts mehr im Wege.
Auf der Hüttenterrasse lernen wir die Berliner Bianca und Kai kennen, die für den Fall der Überfüllung der Hütte sogar ein Zelt hochgeschleppt haben. Obwohl nach uns angekommen, ergattern sie ein Zweibettzimmer, weil sie beim Check-in von einer spontanen Absage von zwei Wanderern profitieren.
Eine Bierrunde später erzählen sie uns, dass sie passionierte Eisschwimmer seien. Der eisfreie Seßsee an der Hütte sei ihnen zu läppisch, viel lieber würden sie am Folgetag den von Eisschollen bedeckten Schmalzgrubensee beschwimmen wollen. In Erinnerung meines skeptischen Blicks und nicht ganz befreit von Stolz wird mir Bianca tags darauf auf der Edmund-Graf-Hütte ein kurzes Beweisvideo ihrer Heldentat präsentieren.
Da der Übergang von der Niederelbehütte zur Edmund-Graf-Hütte mit rund vier Stunden Gehzeit überschaubar scheint, bietet sich nach dem Frühstück noch die Besteigung der Kreuzjochspitze an, immerhin ein Beinahe-Dreitausender. Beim zweistündigen Anstieg kommt man am malerisch in einer Senke gelegenen Schwarzsee vorbei. Auch hier treiben Eisschollen auf der Wasseroberfläche, wäre also auch etwas für unsere Eisschwimmer gewesen.
→Blumenpracht in allen Farben: Hier dominiert die gelbe Arnika.Foto: Michael Reimer
Welch Kontrast zu den saftig-bunten Blumenwiesen, die uns später auf dem Weg zur Edmund-Graf-Hütte beglücken! Gelber Arnika, purpurroter Enzian, pinkfarbene Türkenbundlilien und blauweiße Glockenblumen strecken ihre hübschen Blütenköpfe strotzend vor Energie der spärlichen Sonne entgegen, als wollten sie an einem Schönheitswettbewerb teilnehmen.
Steinböcke mit Hüttenfaible
Vor acht Jahren, als Hüttenwirt Fabian noch in der Handelsakademie Wirtschaftsinformatik studierte, war ich schon einmal auf der Edmund-Graf-Hütte. Beim Abendessen sorgte eine große Steinbockherde direkt vor der Hütte für Aufsehen. Also das Dessert beiseiteschieben, Kamera holen und nichts wie raus!
Von den Hüttenfelsen hatte ich den besten Überblick über das lebhafte Rudel, in dem halbstarke Nachwuchs-Böcke durch Kommentkämpfe die Gunst der Geißen erobern wollten. Andere Böcke kamen ihrem Spieltrieb nach oder schienen es einfach nur zu genießen, von der staunenden Menschentraube vor der Hütte bewundert zu werden.
Wann die Steinböcke zu Besuch kommen, ist jedoch kaum vorhersehbar. „Es kann durchaus sein, dass sie über längere Zeit gar nicht bei der Hütte sind und dann plötzlich innerhalb einer Woche mehrmals auftauchen. Das hängt stark von Wetter, der Jahreszeit und auch sonstigen Bedingungen ab. Generell sind die Chancen im Herbst erfahrungsgemäß etwas höher“, fasst Fabian das unergründliche Verhalten der Steinböcke zusammen.
→Schönes Wetter am Gipfeltag! Die Freude auf dem Hohen Riffler kann auch der bevorstehende 2000-hm-Abstieg nicht trüben.Foto: Michael Reimer
Dieses Mal sehen wir zwar keine Steinböcke, dafür erfreuen wir uns am Kaiserwetter. Erstmals wolkenloser Himmel in der Früh, Hoher Riffler, wir kommen! Der Aufstieg ist zwar nicht besonders anspruchsvoll, dafür ist eine steinschlaggefährdete Steilstufe zu bewältigen. Im oberen Bereich weicht man auf eine Felsrippe aus, die vor einigen Jahren mit Drahtseilen gesichert wurde.
Unterwegs helfen wir einer zögernden Einzelwanderin aus Stralsund über ein hartes abschüssiges Schneefeld, anschließend weicht sie uns nicht mehr von der Seite. Um 10 Uhr stehen wir auf dem luftigen Gipfel und genießen den Rückblick auf das zentrale Verwallgebirge mit Patteriol, Kuchenspitze und Küchlspitze.
Welch krönender Abschluss einer wunderbaren Durchquerung! Den Gedanken an den über 2000 Höhenmeter langen Abstieg nach Pettneu, das jenseits des gleichnamigen Ferners fast in Falllinie unter uns liegt, schieben wir an diesem heißen Sommertag auf dem König des Verwalls erst mal beiseite.
Tag 1 – Von St. Anton auf die Konstanzer Hütte ↑ 430 hm, 11 km, 3:15 Std.Schwierigkeit: Bergwanderung einfach, Kondition geringGPX-Track
Tag 2 – Von der Konstanzer Hütte über das Kuchenjöchli zur Darmstädter Hütte ↑ 1050 hm ↓ 360 hm, 7 km, 4 Std.Schwierigkeit: Bergwanderung mittel, Kondition mittel GPX-Track
Tag 3 – Von der Darmstädter Hütte über das Seßlandjoch zur Niederelbehütte↑ 830 hm ↓ 910 hm, 10 km, 4:30 Std.Schwierigkeit: Bergwanderung mittel, Kindition mittel GPX-Track
Tag 4 – Von der Niederelbehütte auf die Kreuzjochspitze und zur Edmund-Graf-Hütte ↑ 1150 hm ↓ 1090 hm, 15 km, 6:45 Std.Schwierigkeit: Bergwanderung schwierig, Kondition hoch GPX-Track
Tag 5 – Von der Edmund-Graf-Hütte auf den Hohen Riffler und nach Pettneu ↑ 830 hm ↓ 1970 hm, 13 km, 5:45 Std.Schwierigkeit: Bergwanderung schwierig, Kondition mittel GPX-Track
Gesamter GPX-Track
Konstanzer Hütte (1688 m): geöffnet von Ende Juni bis Ende September, Tel. +43 664 3920268, konstanzerhuette.com
Darmstädter Hütte (2384 m): geöffnet von Ende Juni bis Mitte/Ende September, Tel. +43 664 8838140, alpenverein-darmstadt.de/huetten/darmstaedterhuette
Niederelbehütte (2310 m): geöffnet von Mitte Juni bis Ende September, Tel. +43 676 4152355, niederelbehuette.at
Edmund-Graf-Hütte (2375 m): geöffnet von Mitte Juni bis Mitte September, Tel. +43 664 4119825, edmund-graf-huette.com
KarteAV-Karte Blatt 28 „Verwallgruppe“, 1:50.000
Literatur Mark Zahel: "Lechtaler Höhenweg – Verwall-Runde" Bergverlag Rother, 2025
Michael Reimer fühlt sich als Steinbock- und Blumenliebhaber (frischluftedition.de) magisch vom Verwall angezogen. Aber auch die Ursprünglichkeit und Wildheit dieses Gebirges begeistern den Naturfreund.
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