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Bergsport ist kaum denkbar ohne körperliche Leistungsfähigkeit. Genau die kann sich aber durch Krankheit, Unfall oder chronische Einschränkungen stark verändern. Dann ist Mobilität nichts Selbstverständliches mehr, sondern braucht Anpassung, Achtsamkeit, gute Planung und manchmal auch die bewusste Entscheidung, etwas sein zu lassen.

Die drei Geschichten unserer Sektions-Mitglieder Julia Lauer, Vinzenz Peuckert und Stephan Rankl zeigen verschiedene Auslöser solcher Einschränkungen. Julia lebt mit einer Autoimmunerkrankung, Vinzenz mit den Folgen einer Krebserkrankung und einer Amputation, Stephan mit den Spätfolgen eines schweren Kletterunfalls. Alle drei haben Wege gefunden, weiterhin in den Bergen unterwegs zu sein – angepasst an ihre Möglichkeiten, mit einem neuen Blick auf Tempo und Grenzen, und einem Gespür für oft unsichtbare Einschränkungen.

 



„Zum Klettern bin ich erst während meines Studiums gekommen. Mit der Zeit bin ich immer mehr in die Berge gegangen, habe Leute kennengelernt, mit denen ich anspruchsvollere Touren machen konnte. Irgendwann lag mein Fokus auf schwierigen alpinen Klettertouren. Gerade klassische Pause-Touren mit wenig Absicherung haben mich gereizt. Das war wie eine Sammelleidenschaft. Wenn man auf diesem Niveau unterwegs sein will, muss man ständig dranbleiben, trainieren, fit sein. Gegen Ende war das für mich schon fast stressig, und ich hatte vor dem Unfall das Gefühl, so nicht weitermachen zu wollen, wieder freier unterwegs zu sein.

Der Unfall ereignete sich 2017 am Watzmann, am Salzburger Weg in der Ostwand. Eine Zwölf-Seillängen-Tour im mittleren Schwierigkeitsgrad. Es passierte im anspruchsvollen Übergang von der Eiskapelle in den Fels am Einstieg. Die Stelle war mir von früher bekannt, verändert sich jedoch jedes Jahr. Wir wählten eine Passage, die uns machbar erschien. Ich war im Vorstieg unterwegs und konnte keine Zwischensicherung legen. Ich erinnere mich an den letzten Griff und daran, dass ich mit dem rechten Fuß auf den nächsten Tritt steigen wollte. In dem Moment habe ich gespürt, wie der Tritt unter mir wegbröselt. Dieses plötzliche Nachgeben ist noch sehr präsent. Und sofort war mir klar, das geht nicht gut aus. Das war der letzte klare Gedanke.

 

Mann steht auf einem Felsvorsprung. Er trägt einen Klettergurt und klettert gerade im Vorstieg.

↑ Nach einem Kletterunfall in der Watzmann-Ostwand war Stephan Rankl ein halbes Jahr im Rollstuhl.


Ich bin etwa 20 Meter abgestürzt, erst aufs Eis und dann in die Randkluft, aber das kenne ich nur aus Erzählungen. Später habe ich erfahren, dass ich ansprechbar war und mit der Bergrettung gesprochen habe. Mein Gedächtnis setzte erst zwei Tage später im Krankenhaus in Salzburg wieder ein. Das scheint eine typische Reaktion auf ein Trauma zu sein. Für mich ist es eher ein Glück, weil ich keine belastenden Bilder im Kopf habe. Die Verletzungen waren erheblich: ein Beckenringbruch, Verletzungen an Hüfte und Arm, ein ausgekugeltes Knie sowie eine Nervenschädigung im Fuß. Ich war zwei Monate im Krankenhaus und anschließend mehrere Wochen in Reha. Das erste halbe Jahr war ich überwiegend im Rollstuhl, erst nach neun bis zehn Monaten konnte ich ihn ganz weglassen.

Weniger Angst vor dem Tod

Der Weg zurück war zäh. Gerade in meinem Alter baut der Körper nach so einer Zeit extrem ab, und es dauert, bis man wieder Kraft aufbaut. Auch heute ist der Prozess nicht abgeschlossen. Fortschritte merkt man oft erst im Rückblick über Jahre. Zurückgeblieben ist vor allem die Fußhebeschwäche im rechten Fuß. Ich kann den Fuß nicht richtig anheben und brauche eine Orthese zum Gehen. Das wirkt nicht dramatisch, hat aber großen Einfluss auf die Bewegung. Wenn ein Muskel fehlt, gerät das System aus dem Gleichgewicht. Meine Mobilität hat sich dadurch verändert.

Früher konnte ich einfach losgehen, heute muss ich mehr planen und auf meinen Körper hören. Es gibt Tage, da geht es nicht, und dann lasse ich es. Ich weiß inzwischen gut, wie viele Höhenmeter oder Strecke ich vertrage, und richte mich danach. Diese Achtsamkeit gab es früher nicht. Klettern spielt keine Hauptrolle mehr, ich bin viel mehr beim Wandern, oft allein. Es geht mir darum, draußen zu sein, etwas zu erleben und neue Gegenden zu entdecken. Der Leistungsdruck ist weg. Ich reise auch viel mit meiner Frau und unseren zwei Kindern.

 

Mann und Frau mit Kletterequipment vor Bergpanorama

↑ Vom Unfall geblieben ist eine Fußhebeschwäche – weg ist dafür der Leistungsdruck.


Der Unfall ist für mich im Nachhinein weniger Pech als eine Frage der Statistik. Wer sich oft in solchem Gelände bewegt, weiß, dass irgendwann etwas passieren kann. Ich habe viele Situationen erlebt, in denen nichts vorgefallen ist. Diesmal war es anders. Mein Blick auf das Leben hat sich verändert. Ich bin gelassener geworden und habe weniger Angst vor dem Tod. Ich war nah dran und weiß, dass es auch anders hätte ausgehen können. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, schon viel erlebt zu haben. Alles, was jetzt kommt, ist für mich ein Bonus. Heute bin ich an einem Punkt, an dem ich sagen kann, dass ich zufrieden bin – nicht, weil alles wieder wie früher ist, sondern weil ich einen neuen Weg gefunden habe, mit dem ich gut leben kann."

 



„Ich war schon immer viel in den Bergen unterwegs. Ein großer Traum von mir war das Höhenbergsteigen in Nepal. Dann kam Corona, und ab da hat sich alles verändert. Ich habe mich angesteckt, war schwer krank mit hohem Fieber und starken Kopfschmerzen. Ich habe mich nie richtig erholt. Zeitweise wog ich nur noch 48 Kilo. Es folgte eine lange, belastende Phase voller Untersuchungen, mit Verdachtsdiagnosen wie Bauchspeicheldrüsenkrebs oder Lymphom. Vieles wurde ausgeschlossen, aber niemand wusste, was ich hatte. Dieses Nichtwissen über zweieinhalb Jahre war das Schlimmste.

Dann kam plötzlich eine beidseitige Sehnerventzündung, ich konnte kaum noch sehen. Multiple Sklerose wurde ausgeschlossen, eine klare Diagnose gab es trotzdem nicht. Ich hatte immer wieder Schübe, reagierte kaum auf Kortison und entwickelte zusätzlich eine Spastik im Bein, die sehr schmerzhaft war und das Gehen erschwerte. Trotzdem habe ich weitergearbeitet, während ich zunehmend das Gefühl hatte, die Kontrolle zu verlieren. Der Wendepunkt kam mit einer ärztlichen Zweitmeinung. Ich bekam erstmals ein starkes Immunsuppressivum, seitdem ist alles deutlich stabiler. Meine Diagnose lautet Neuromyelitisoptica-Spektrum-Erkrankung, kurz NMOSD, eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem körpereigene Strukturen angreift und Entzündungen im Gehirn und Rückenmark verursacht.

Irgendwann wurde mir klar, dass ich mein Leben nicht aufgeben will. Ich habe wieder angefangen, mich zu bewegen, bin klettern und wandern gegangen. Und dann kam der Gedanke zurück: Nepal. Daraus ist mehr geworden. Mir wurde bewusst, wie viele Menschen ohne klare Diagnose bleiben, weil die Erkrankung so unterschiedlich verlaufen kann. Deshalb nutze ich meine Reise, um Aufmerksamkeit zu schaffen und Spenden für die Forschung zu sammeln. Mein Ziel für 2024 war der 6189 Meter hohe Island Peak im Khumbu-Tal am Mount Everest. Ein Kameramann hat mich begleitet, daraus entsteht eine Dokumentation.

 

Frau in roter Jacke sitzt auf einem Stein vor vergletscherten Bergen. Neben ihr stehehn auf dem Steinboden große Zelte.

↑ Trotz der Autoimmunerkrankung NMOSD bricht Julia Lauer immer wieder zu Sechs- und Siebentausendern auf.


Ich habe mich intensiv vorbereitet, mich mit Ärzten, Physiotherapeuten und Trainern abgestimmt, Notfallpläne erstellt und Kontakte zu Krankenhäusern in Kathmandu aufgebaut. Ein neuer Schub hätte mein gesamtes Körpergefühl verändern und eine engmaschige medizinische Betreuung erforderlich machen können. Im Grunde war ich meine eigene Teststudie, weil es kaum Daten zu meiner Erkrankung und den Medikamenten in Kombination mit großer Höhe und Kälte gibt. Ich habe im Münchner Höhenzentrum trainiert und meinen Körper langsam an die Belastung gewöhnt. Am Ende war ich auf 6000 Meter akklimatisiert.

Erfolg ist zweitrangig

In Nepal selbst ging es mir überraschend gut. Ich habe die Höhe gut vertragen und mich lebendig gefühlt. Den Gipfelversuch am Island Peak musste ich etwa 300 Höhenmeter unterhalb abbrechen, weil ich durch den Staub beim Trekking eine Bronchitis mit Fieber entwickelt hatte. Im Bergsteigen gilt: Wenn es dir nicht gut geht, gehst du runter. Das war die richtige Entscheidung, auch wenn es schwer war. Der Gipfel war für mich nie das Wichtigste. Insgesamt waren wir drei Wochen unterwegs, 195 Kilometer und über 9000 Höhenmeter. Im August 2026 geht es erneut nach Nepal, diesmal zum 7126 Meter hohen Himlung Himal im Nordosten des Annapurna-Gebiets. Die Bedingungen sollten für meine Lunge besser sein, da die Akklimatisierung direkt vom Basislager aus erfolgt.

 

»In Nepal habe ich mich besonders wohlgefühlt. Mir wurde kein Mitleid entgegengebracht, sondern echtes Mitgefühl.«

 

Meine Erkrankung hat meine Perspektive verändert. Früher war ich vorsichtiger, heute denke ich: Wenn ich etwas machen möchte, dann versuche ich es. Ob es klappt, ist zweitrangig, es nicht versucht zu haben, wäre schlimmer. Gleichzeitig sind mir Sichtbarkeit und Gleichberechtigung im Bergsport wichtig geworden. Ich habe erlebt, wie schnell man, besonders als Frau und mit körperlicher Einschränkung, unterschätzt wird.

In Nepal habe ich mich besonders wohlgefühlt. Mir wurde kein einschränkendes Mitleid entgegengebracht, sondern echtes Mitgefühl. Meine Erkrankung wurde wahrgenommen, hat mich aber nicht definiert. Die Menschen sind mir mit echtem Interesse und Respekt als Person begegnet. Das wünsche ich mir auch für meinen Alltag in Deutschland. Ich finde, jeder sollte seinen eigenen Weg gehen dürfen. Und wenn ich mit meiner Geschichte auch nur einer Person Mut machen kann, hat sich alles gelohnt.“

 



„Ich war als Kind viel krank, bis ich mit 15 die Diagnose Krebs erhielt: metastasierender Schilddrüsenkrebs im Endstadium, unheilbar. Eine seltene, genetisch bedingte Form, die lange unentdeckt blieb. Die Diagnose war ein Schock. Von einem Moment auf den anderen bricht alles weg, was vorher selbstverständlich war. Trotz der Krankheit habe ich die Schule beendet, mein Abitur geschafft, eine Ausbildung begonnen und nebenbei studiert. Für mich war es wichtig, so normal wie möglich weiterzuleben. Parallel dazu habe ich viel erlebt. Reisen sind bis heute zentral für mich und bedeuten Freiheit. Ich war auf drei Weltreisen und zum Wandern in Alaska, Neuseeland, Patagonien und Kanada. Das hat mir gezeigt, dass die Welt größer ist als meine Krankheit. Gleichzeitig gab es viele Rückschläge und Krankenhausaufenthalte. Mit der Zeit habe ich gelernt, mich sehr genau zu beobachten.

 

»Von einem Moment auf den anderen bricht alles weg, was vorher selbstverständlich war.«

 

Ein besonders einschneidender Punkt war die Amputation meines Unterschenkels im Winter 2024. Zuerst dachte ich an eine harmlose Zerrung, doch beim Arzt zeigte sich eine massive Durchblutungsstörung. Das Bein war stark geschädigt, Gewebe starb ab und es wurde schnell lebensbedrohlich. Es folgten Notoperationen, aber die Durchblutung ließ sich nicht
mehr herstellen. Die Schmerzen wurden extrem, schließlich blieb nur die Amputation, um mein Leben zu retten. Später stellte sich heraus, dass vermutlich ein Krebsmedikament aus einer Studie diese Gefäßschäden verursacht hat.

Mit der Prothese hat sich das Berggehen deutlich verändert. Meine Fußprothese ist starr und passt sich kaum an den Untergrund an. Beim Bergaufgehen setze ich oft nur die Fußspitze auf, beim Bergabgehen laufe ich eher über die Ferse. Dadurch bin ich instabiler, vor allem auf Schotter oder nassem Untergrund, und muss mich häufig abstützen. Auch meine körperliche Belastbarkeit ist geringer. Durch die lange Krankheitsgeschichte habe ich weniger Kraft, meine Lungenkapazität ist reduziert und mein Körper ist schneller erschöpft. Die Tagesform entscheidet stark, und ich habe gelernt, das zu akzeptieren. Nur auf dem E-Bike fühle ich mich wirklich mobil.

 

Mann mit kurzer Hose lehnt an einem Brückengeländer. Die Brücke führt über einen Begbach. Der Mann hat am rechten Bein ab dem Knie eine Prothese.

↑ Peuckerts Prothese macht Berggehen möglich, ist aber im Abstieg instabiler.


Bergtouren plane ich heute bewusster. Früher waren 800 oder 1000 Höhenmeter normal, heute eher 300 bis 600. Ich achte stärker auf das Gelände, vermeide schwierige Passagen und plane mehr Zeit ein. Das Wetter spielt eine größere Rolle. Wenn sich etwas zusammenbraut, drehe ich sofort um, auch wenn das Ziel nah ist. Auch Stürze können gefährlich sein, weil ich Metastasen unter der Schädeldecke habe. Deshalb gehe ich vieles nicht mehr allein an.

Das Leben ist zu schön

Ich war mehrfach sehr nah am Tod. Das verändert etwas und gibt dem Leben eine andere Tiefe. Ich werde oft nach meiner psychischen Situation gefragt und sage ehrlich: Das Leben ist zu schön. Ich habe schlechte Tage, aber ich entscheide bewusst, worauf ich meinen Fokus lege. Die Opferrolle war für mich keine Option. Wenn es mir schlecht geht, gehe ich raus in die Natur und merke, dass das Leben weitergeht. Ich konzentriere mich auf die schönen Momente und habe oft das Gefühl, die Schönheit der Natur bewusster wahrzunehmen als andere.

 

»Wenn ich mit gesunden Menschen unterwegs bin, habe ich manchmal das Gefühl, dass ich die anderen aufhalte.«

 

Kürzlich war ich mit einer Wandergruppe unterwegs, organisiert über den Krebshilfe-Verein Eisvogel. Das war eine Art Retreat für krebskranke Männer, bei dem wir gemeinsam in die Berge gegangen sind. Zwischen uns war sofort ein anderes Verständnis da. Jeder hatte seine eigene Geschichte und seine Einschränkungen, und genau deshalb musste sich niemand erklären. Wenn ich mit gesunden Menschen unterwegs bin, habe ich manchmal das Gefühl, dass ich die anderen aufhalte.

Wir sind gemeinsam losgegangen, ohne Leistungsdruck. Wenn jemand eine Pause brauchte, haben wir einfach angehalten. Wir wussten nicht, ob wir den Gipfel erreichen, aber wir haben es Schritt für Schritt versucht. Genau das hat es so intensiv gemacht. Oben anzukommen und gemeinsam Brotzeit zu machen, war ein sehr verbindender Moment. Ich würde mich freuen, wenn es solche Gruppen auch in der Sektion geben würde.“