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Über die sozialen Kosten von Autos und die Rolle von Emotionen und Status bei der Wahl des Verkehrsmittels
Text und Fotos: Ines Primpke, alpinwelt 2/2026
Das Thema Mobilität ist ein kontroverses Thema im Bergsport. Zum einen stellen sich der Alpenverein und seine Mitglieder als grüner, nachhaltiger Player dar, gleichzeitig gehen doch die meisten von uns ihrem Hobby mit dem eigenen Auto nach. Immer mehr Menschen gehen in die Berge und damit wächst der Verkehrsdruck im Gebirge (Garmisch, Zillertal, …). Das geht den Anwohnern auf die Nerven, Stau und Parkplatzsuche strapazieren die unseren, ist obendrein auch noch schlecht fürs Klima und zerstört Lebensraum.
Nun scheint es viele Gründe zu geben, warum wir Bergsportler:innen unserem Hobby mit dem Pkw nachgehen. Ganz vorne dabei sind Argumente wie die Erreichbarkeit, der zeitliche Mehraufwand und die, pre Deutschlandticket, immensen Kosten der Öffis.
Zuerst zu den Kosten. Sie lassen sich mittlerweile relativ gut ermitteln. Da sind die inzwischen 63 EUR/ Monat für das Deutschlandticket. Zusätzlich je nach Tourenwahl der Ticketpreis in Österreich und hin und wieder ein Taxi, wenn sich die letzte Meile nicht anders überwinden lässt.
Beim Pkw sind uns die Kosten meistens nicht so konkret bewusst. Es ist also schwer, eine Vergleichbarkeit herzustellen. Präsent im Kopf sind erst mal die Sprit-Kosten, eventuell noch der letzte Werkstattbesuch, die Steuer, der TÜV und die Versicherung. Die Parkgebühren, sowohl zu Hause als auch am Berg, ein neues Set Reifen alle paar Jahre. Zusätzlich fallen allerdings auch noch gesellschaftliche Kosten an, sie werden als „social costs“ bezeichnet. Sie summieren die Gesundheits- und Umweltschäden sowie die Kosten für bereitgestellte Infrastruktur auf. Studien legen nahe, dass diese bei 33 ct/km liegen was bei einer Fahrleistung von durchschnittlichen 15.000 km/Jahr 4950 EUR pro Auto ausmachen. Man sieht: Die Kosten, die ein Auto verursacht, sind gar nicht so offensichtlich und stellen doch besonders für einkommensschwächere Haushalte eine Belastung dar.
Würden wir uns nun tatsächlich vom Auto trennen, wären die Öffi-Kosten keine Mehrkosten, und das Geld für die letzte Meile mit dem Taxi erscheint gar nicht mehr so viel. Da es erst mal ein drastischer Schritt ist, sich vom eigenen Auto zu trennen, können wir den Gedanken vielleicht umkehren und die Öffi-Kosten als Grundkosten verstehen und die Kosten fürs eigene Auto als Mehrkosten.
↑ Auch großes Gepäck lässt sich öffentlich transportieren – zum Beispiel Ski nach Norwegen.
Nun muss das mit der öffentlichen Anreise aber auch realistisch sein, denn viele Ausgangspunkte sind schlicht nicht mit den Öffis erreichbar (z. B. Kelchsau). Dafür hat der Bergbus etwas Abhilfe geschafft. Tatsächlich sind aber mehr Ausgangspunkte angebunden, als wir denken. Seit zwei Jahren gibt es den ÖPNV-Layer auf alpenvereinaktiv, der die Planung erheblich erleichtert und zeigt, was tatsächlich alles erreichbar ist. Auch die VVT-App Smart Ride kennt sämtliche Buslinien in Tirol.
Und damit sind längst nicht nur bekannte und viel begangene Touren möglich. Durch geschickte Tourenplanung sind plötzlich deutlich einsamere Touren möglich, zum Beispiel mit verschiedenem Start- und Endpunkt (häufig: Safaris). Und so eine aufwendige Anreise rechtfertigt manchmal auch ganz gut, dass wir das ganze Wochenende in den Bergen verbringen „müssen”.
Nun bleibt noch der zeitliche Mehraufwand. Dass die Reisezeit mit den Öffis länger dauert, ist meistens bittere Realität. Verspätungen und Ausfälle gibt es auch noch. Das kann bei der Pkw-Anreise allerdings auch passieren, in Form von Pannen oder Stau. So ist im Winter an Nachmittagen vermutlich sogar die Bimmel-Zillertalbahn schneller als der durchschnittliche Pkw auf gleicher Strecke. Auch der Regionalzug aus Garmisch fährt häufig am Stau vorbei. Und sollte die Bahnfahrt dennoch länger dauern, können Fotos schon direkt nach der Tour sortiert, der Insta-Post gelaunched oder das verdiente Nickerchen gehalten werden. Bei längeren Fahrten können sogar die Skifelle schon trocknen und daheim direkt verräumt werden. So lässt sich die Zeit im Zug vielleicht sogar effizienter und entspannter nutzen als eine Autofahrt.
Wie wichtig ist uns der persönliche Safe-Space?
Doch wenn wir diese offensichtlichen (instrumentellen) Argumente doch einigermaßen entkräften können, warum schlängeln wir uns in Blechketten durch die Täler? Und warum werden sich Menschen an diesem Artikel, der relativ offensichtlich die Autonutzung anprangert, anstoßen? Oder, gesellschaftlich gesprochen: Warum werden politische Versuche, die Autonutzung einzuschränken, als Freiheitsberaubung aufgefasst?
Das lässt sich zum Teil an den sogenannten weichen Faktoren der Autonutzung erklären: Es gibt Studien, die nahelegen, dass die oben aufgeführten Gründe (z. B. Erreichbarkeit, Zeitvorteil, Flexibilität, Kosten) nur zu einem untergeordneten Anteil zu unserer Verkehrsmittelwahl beitragen. Weiche Faktoren wie Emotionen und Status spielen laut Studie eine weitaus größere Rolle in unserer Entscheidungsfindung.
↑ Abwarten und Tee trinken: Unerwartete Pausen dienen der Entschleunigung
Gemeint sind Faktoren wie das Freiheitsgefühl oder die Entspannung, welche sich beim Fahren einstellt, das Adrenalin-Hoch, welches beim Beschleunigen aufkommt, oder der persönliche Safe-Space, den ein Auto schaffen kann. Gemeint sind auch der Status und die Zugehörigkeit, die wir durch unser Auto ausdrücken. So fühlen wir uns mit einem Van einer sehr individualistischen Gruppe zugehörig, mit einem SUV einer Wohlhabenden, beruflich erfolgreichen, und mit der kleinen Knutsch-Kugel der besonders hartgesottenen Gruppe. Und mit den Öffis? Werden wir bemitleidet, wenn wir nach kurzen drei Stunden Anreise durchgeschaukelt aus dem Bus steigen und noch zwei Kilometer extra bis zum Ausgangspunkt laufen müssen? Oder steigen wir mit einem Hochgefühl aus dem Bus aus, schließlich haben wir es in den Beinen, die extra Kilometer zu laufen, sind by fair means unterwegs und hatten dennoch den Luxus eines:er Chauffeur:in (aka Busfahrer:in), der oder die uns am Nachmittag quasi wieder abholt?
Die Öffis bieten also erst mal weniger Identifikationsmöglichkeiten und Symbolkraft. Um diese weichen Faktoren auch bei den Öffis zu finden, müssen wir unsere Gewohnheit, das Auto zu nutzen, erst mal brechen und die Öffi-Anreise ausgiebig ausprobieren. So können wir im Zug häufig gemütlich als Gruppe zusammensitzen und uns besser unterhalten als hintereinander im Auto. Aufs Klo gehen ist jederzeit möglich, und wenn sich noch jemand spontan anschließen möchte, scheitert das auch nicht an Sitzplätzen. Neue Kartenspiele können getestet werden und Beinfreiheit ist auch für alle möglich. Eventuell lernen wir sogar neue Tourenpartner:innen auf der Fahrt kennen, und nach einer langen Tour ist der Fahrservice im Zug vermutlich auch sicherer als eine übermüdete Autofahrt. Und dennoch, wenn wir wollen, werden wir weitere Argumente gegen die Öffis finden – aber heute soll das Abenteuer überwiegen.
Quellen:
Bamberg, Sebastian (2001). Psychologische Mobilitätsforschung – zwischen Ernüchterung und Neupositionierung. Umweltpsychologie.
Canzler, Weert, & Radtke, Jörg (10. Dezember 2019). Der Weg ist das Ziel: Verkehrswende als Kulturwende. Oder: Zur schwierigen Entwöhnung vom Auto. Aus Politik und Zeitgeschichte. Das Auto.
Gatersleben, Birgitta (13. September 2012). The psychology of sustainable transport. The psychologist. Von The psychologist arcive.
Gatersleben, Birgitta (2014). Psychological Motives for Car Use. In T. Gärling, D. Ettema, & M. Friman, Handbook of Sustainable Travel. Dordrecht: Springer.
Gössling, Stefan, Kees, Jessica, & Litman, Todd (2022). The lifetime cost of driving a car. Ecological Economics.
Nobis, Claudia (2015). Verkehrsmittelwahl bei Freizeitwegen. Berlin: Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. (DLR). Von www.DLR.de/vf abgerufen am 24. Mai 2023.
Nobis, Claudia (2019). Mobilität in Deutschland – MiD Analyse zum Radverkehr und Fußverkehr. Im Auftrag des Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur. Bonn, Berlin: infas, DLR, IVT und infas 360.
Steg, Linda (2005). Car use: lust and must. Instrumental, symbolic and affective motives for car use. Transportation Research Part A: Policy and Practice (39).
Ines Primpke hat kein Auto mehr, seit sie sich ausführlich mit dem Thema beschäftigt hat. Trotzdem überwiegt manchmal die Bequemlichkeit, und dann freut sie sich über die Autofahrbereitschaft ihrer Tourenpartner:innen.
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