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Text: Walter Bien, Vorstand Sektion Oberland

Ich stamme aus einer Generation, in der über Müllvermeidung nicht geredet wurde. Wenn nicht aufgegessen wurde, würde es schlechtes Wetter geben, also wurde der Teller leer gemacht. Was trotzdem übrig blieb, wurde ans Schwein verfüttert oder kam auf den Komposthaufen. Ich trug die zu klein gewordenen Klamotten meiner älteren Cousins, mein jüngerer Bruder trug das, was mir zu klein geworden war. Wurden die Pullover auch ihm zu klein, wurde die Wolle teils ausgeriffelt und neu verstrickt. Die Milch wurde in Kannen geholt, die Eier in Zeitungspapier eingewickelt. Sonstiger Abfall wurde verbrannt, entweder im Ofen oder auf dem Feld.

Eine Müllabfuhr habe ich in meiner Kindheit nicht gekannt. Ab und zu kam mal ein Lumpensammler vorbei, für den aber selten etwas übrig blieb. Das prägt. So sehr, dass ich noch bis in die Mitte der 70er-Jahre meine Brotzeit zum Mittagessen mitbrachte und das Papier, von den Kolleginnen und Kollegen verwundert belächelt, zur Wiederverwendung sorgfältig zusammenlegte. Lang ist es her. Heute gehöre ich eher zu den verführbaren Schnäppchenjägern. Ich bemühe mich, wenn ich in die Berge gehe, nichts zurückzulassen, ab und zu (viel zu selten) bin ich mit einem Drecksack und einer Greifzange unterwegs, um Müll, der herumliegt, zu entsorgen.

Langlebig und trotzdem sicher

Müllvermeidung ist der wichtigste Ansatz zur Bewältigung des Müllproblems. Was nicht angeschafft wird, wird nicht zu Müll, muss auch nicht entsorgt werden. Dabei hilft es, seine Utensilien zu schätzen, notfalls zu reparieren und möglichst nichts Unsinniges anzuschaffen. Zugegeben, in meinem privaten Alpinmuseum lagert vieles, das eher für ein Messie-Syndrom als für sinnvolles Ausrüstungsmanagement spricht. Andererseits greife ich immer wieder mal auf vermeintlich Überholtes zurück.

Die Ausleihe von selten genutztem Material, die Reparatur vor dem Neukauf, der Austausch im Bekanntenkreis, Spenden von einsatzfähiger Ausrüstung für Ausbildung und Bedürftige: Was für die Müllvermeidung wichtig ist, steht in einem gewissen Gegensatz zu einem Wirtschaftssystem, das durch Umsatz lebt und so auch Wohlstand ermöglicht. Leider gilt deshalb, dass im Alltag die Verführung sehr groß ist. Keiner von uns, mich eingeschlossen, bleibt eisern, wenn die bunten Verkaufsangebote locken. Deshalb gilt, wie beim Umweltschutz: Besser als persönliche Appelle sind gesetzliche Vorgaben (z. B. die Reparaturfähigkeit sicherstellen) und eine Umstellung der Industrie auf attraktive, langlebige Produkte und Reparaturangebote.

Misstrauisch macht mich allerdings, dass durch neue Verfahren und Werkstoffe auch bei Bergsportprodukten alles besser geworden ist – nur die Lebensdauer ist kurz geblieben oder sogar kürzer geworden. Die laut Gebrauchsanweisungen zulässige und auch von Experten propagierte Maximallebensdauer spricht oft gegen eine lange Nutzung. Für Hersteller sind kurze Produktlebenszyklen interessant, sowohl aus Umsatz- wie auch aus Haftungserwägungen.

Alles begründet mit: besser einmal zu viel ersetzt, als einen Unfall oder schwere Folgen provoziert. Grundsätzlich vernünftig, aber stimmt das? Schaut man in die Unfallstatistiken (analyse berg, Sommer 2025), sieht man, dass selbst in den technischen Disziplinen (Klettern, Klettersteiggehen) – im Jahr 2025 ebenso wie im Zehnjahresdurchschnitt – Unfälle wegen Materialversagen und Ausrüstungsmängeln nur im Promillebereich auftreten. Hier bräuchte es Hilfen für eine realistische und nicht durch die Hersteller dominierte Einschätzung, um auch in diesem Bereich Langlebigkeit und damit Müllvermeidung voranzubringen.

 

Zur Person
Walter Bien, Jahrgang 1950, gehört seit sieben Jahren dem Vorstand der Sektion Oberland an, für die er seit über 30 Jahren als Übungsleiter tätig ist.

 




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Kommentare

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Ich leite eine Klettergruppe für Menschen mit Behinderung. Die allermeisten klettern ausschließlich toprope. Ihre Gurte sind Ende letzten Jahres abgelaufen und ich müsste als Verantwortlicher dafür sorgen, dass sie ausgetauscht werden. Beim Topropeklettern treten weit niedrigere Belastungen auf und die Gurte werden meiner Meinung nach noch viele Jahre sicher ihre Arbeit machen.

Marc Eitel, 14.01.2026

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Der Wunsch nach etwas Neuem und damit oft einhergehender Müll durch Aussortierung ‚alter’ Sachen ist nicht nur in den Bergen und in der Bergsport Ausrüstung ein Problem. Natürlich trägt der Konsum dazu bei: wir wollen etwas Neues, etwas das glänzt, etwas das schick aussieht, es soll was hermachen. Schließlich möchten wir am Berg auch für unsere Ausrüstung bewundert werden, nicht nur für unser Können. Ich kenne es von mir selbst das ich mir schon etwas Neues wünsche, wenn ich gerade erst etwas gekauft habe. ‚Eine neue Wanderhose von Orthovox? Toll! Ich brauche unbedingt noch die passende winddichte Jacke in der gleichen Farbe‘ - ungeachtet dessen hängt meine dunkelblaue Vaude Jacke seit ein paar Jahren im Schrank und erfüllt ihren Bergzweck wunderbar. Wie ist dieser Konsum stoppbar? Die Antwort liegt vielleicht mitunter in der Produktion. Ich lese immer öfter ‚Designed in Germany‘ aber ‚Made in China, Kambodscha, Sri Lanka usw.‘ Um nachhaltiger zu werden sollten wir die Produktionsketten kennen und lernen Rohstoffe wertzuschätzen.

Marie-Luise Körbe, 20.01.2026

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Das wirklich schlimmste, was ich beobachte, ist nicht nur der in den Bergen hinterlassene Müll. Es ist die Beklebung mit Aufklebern an den Gipfelkreuzen, Wegweisern bis zur Unkenntlichkeit. Respektlos unterwegs. Mehr fällt mir dazu nicht ein. Ich bin seit Jahren so unterwegs, das ich den Müll immer ins Tal nehme, auch wenn es mal wieder die Schuhsohle ist....

Konny, 21.01.2026

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Irgendwann geben Skitourenschuhe verständlicherweise auf, der Innenschuh zerbröselt. Ich habe mir neue Skitourenschuhe gekauft in einem Fachgeschäft und gleich die Bindung einstellen lassen. Nach ein paar Touren stellte ich per Zufall fest, dass das mein neuer Schuh, Scarpa Gea und meine gute alte Diamir-Bindung mit Skistoppern nicht wirklich kompatibel sind. Ich kippe in extremer Vorlage aus der Bindung. Eigentlich müsste ich eine neue Bindung kaufen, wegen dem neuen Schuh!! Aber es ärgert mich und ich fahre jetzt mit Fangriemen, nicht wirklich zufrieden stellend. Muss sowas sein?

Nina Kela, 01.02.2026

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