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Text: Dr. Thomas Kuhn, Foto: Christian Pfanzelt

Respekt – das Wort hat Konjunktur, und jetzt hat es auch die alpinwelt erreicht. Herkunft: lateinisch respectus, wörtlich: der Rückblick. Sich noch mal umdrehen, nach dem anderen schauen. Über Umwege durchs Französische wurde daraus im Deutschen die Hochachtung. Zwei Bedeutungen, ein Wort – beide sind wichtig im Bergsport.

Achtung steht jedem Menschen zu, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, sozialem Status oder sexueller Orientierung. Kein Verhandlungsgegenstand, sondern schlicht Ausdruck der Menschenwürde! Und so ist es bei alpinen Unfällen ganz selbstverständlich, dass sich die Rettung nur um den Menschen kümmert, nicht um die alltäglich den Blick verstellenden Äußerlichkeiten um diesen herum; gleichermaßen tritt bei alpinen Notlagen der Mensch in den Vordergrund: Neben Verlässlichkeit, Empathie, Tatkraft und Ruhe ist für Vorurteile kein Raum mehr, die Achtung gewinnt.

Ist rücksichtslos immer das, was die anderen tun?

Rücksicht verwirklicht sich im Alltagsleben, sie muss jeden Tag neu geübt werden: am Trail, auf der Hütte, am Fels. Auffällig dabei: Ständig ist Jammern zu hören, wie jemandem der verdiente Respekt verweigert wurde. Kaum je räumt jemand ein, selbst respektlos gewesen zu sein. Rücksichtslos ist offenbar immer das, was die anderen tun. Genau darin liegt der Kern dessen, worum es in dieser Ausgabe geht: Am Berg treffen viele unterschiedliche Vorstellungen von Rücksicht aufeinander – und fast jeder ist überzeugt, selbst längst vorbildlich unterwegs zu sein. Und doch geht es nur gemeinsam mit dem wechselseitigen Blick auf die Interessen der jeweils Anderen.

Zum zwischenmenschlichen Respekt gesellt sich noch eine weitere Dimension: der Respekt vor der Schöpfung. Wer im alpinen Gelände unterwegs ist, bewegt sich in einem Lebensraum, der nicht für den Menschen gemacht wurde, sondern lange vor ihm da war – mit eigenen Regeln, eigener Verletzlichkeit, eigenem Recht auf Bestand. Natur- und Umweltschutz sind insofern keine Einschränkung der Freiheit am Berg, sondern deren Voraussetzung: Nur eine intakte Bergwelt lässt sich auch morgen noch respektieren. Den Berg selbst zu respektieren, ist ohnehin gesund, er ist kein Sportgerät, sondern ein komplexes Gebilde mit nicht verhandelbaren Regeln zu Wetterumschwüngen, Steinschlag, Lawinen und technischen Schwierigkeiten.

Ob beim Trailbiken, in der Seilschaft oder gegenüber der Natur: Respekt zeigt sich nicht darin, ihn für sich zu beanspruchen, sondern darin, was in entscheidenden Momenten getan wird. Kurz bremsen, kurz zurückstecken, kurz genauer hinschauen. Was das im Bergsportalltag konkret bedeutet, zeigt diese alpinwelt-Ausgabe – hoffentlich mit dem einen oder anderen Erkenntnisgewinn.

 

Zur Person
Dr. Thomas Kuhn ist im Vorstand der Sektion München zuständig für Rechtsfragen und die Umsetzung neuer Strukturen.

 




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